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documenta14

Einblicke in den Kopf unseres Creative Directors Stefan Heyer beim Besuch der documenta14 in Kassel – einer der wichtigsten Ausstellungsreihen für zeitgenössische Kunst.

Die G20-Hölle hinter mir lassend, flüchtend auf der A7, war es in Kassel in der ersten Juliwoche 2017 diesmal Liebe auf den ersten Blick: 10 Uhr. Auto geparkt, Straßenschild „Schöne Aussichten“. Aha. Stimmt, echt klasse hier. Meine Augen wandern umher, erblicken eine toll gesetzte, minimale und moderne Typo, Hirn meldet umgehend: richtig hier. Oben thront eine Balkenhol-Figur, unten heißt es „Statik der Resonanz“. Links der Eingang in die Kirche, Elisabeth Kirche, lichtdurchflutet, Brutalismus light, LeCorbusier-Feeling. Stumm vibrierend nimmt das Kunstwerk Tuchfühlung auf. Exakt jetzt bitte die Aufführung, Musik, Orgel, Paul Hindemith. Natürlich – wie bei sowas immer – bin ich zur falschen Zeit am richtigen Ort. 

„Ignoranz ist eine Tugend“, flüstert es weit entfernt aus Richtung Museum Fridericianum. Wow. Hin da. Ein schnuckeliger, abgerockter Servierwagen steht da leicht verloren in der Gegend herum, der anmontierte Lautsprecher zwangsbeglückt mich mit diesem Mantra der nächsten Stunden.

Photo: Mathias Voelzke

Posted by documenta 14 on Montag, 8. Mai 2017

Linksdrehung. Bei sengender Sonne und stahlblauem Himmel stehe ich nun vor dem sogenannten Wahrzeichen der documenta14, dem „Parthenon der verbotenen Bücher“. Karl May trifft hier auf „Mephisto“ von Klaus Mann (eines meiner Lieblingsbücher), „Wendekreis des Krebses“ auf den griechischen „Kleinen Prinzen“, Kafka auf Stefan Zweig und andere Klassiker aus dem Deutsch-Leistungskurs – und irgendwo habe ich auch einen Harry Potter gesehen. Anscheinend war jedes zweite Buch irgendwann irgendwo schon einmal verboten. Phrasenschwein: „Bücher sind sexy.“ Ich mag sie dann aber doch lieber uneingeschweißt und ohne Präservativfeeling. Und einige der gebundenen Ausgaben aus den 1950er/60er/70er Jahren hätte ich schon ganz gerne selbst. Suhrkamp forever. 

Das Briefing vorher an mich selbst: Geh völlig unvoreingenommen hin, wandele wie ein Kind, schaue mit offenen Augen und fühle mit unbeschwertem Herzen. Lese nicht die Was-muss-ich-angucken-Texte in „Art“ und „Monopol“, gebe dir nicht die Theorie-Peitsche der „Texte zur Kunst“. Höre nicht auf die nörgelnden Artikel im Feuilleton. „Go with the flow“. Alles angucken geht eh nicht und muss ja auch nicht sein. Was man sehen möchte, sieht man. Fakt ist: es gibt ja immer was Auszusetzen („zu viel Politik-Gedöns“, „kaum Malerei“, „zu theorielastig“, „man kennt keine Namen der beteiligten Künstler/innen“,…). Aber das spielt alles keine wirkliche Rolle. Es gibt keine schlechte documenta. Die documenta ist im Kern und per Definition größenwahnsinnig. Und deshalb ist sie so wichtig. 2017, so erklärt der künstlerische Leiter Adam Szymczyk, im Spannungsraum zwischen Kunst und Politik, zwischen Kassel und Athen:  

Wie erzeugt man während einer Großausstellung innerhalb einer neoliberalen Ökonomie kritische Handlungsmacht? Kann sich das Museum den eigenen kolonialen und patriarchalen Regimen widersetzen? Kann der Spannungsbogen zwischen Kassel und Athen als kritischer Raum genutzt werden, um ein künstlerisches und aktivistisches Projekt jenseits des Rahmens von Nationalstaaten und Unternehmen zu entwerfen? Wir werden scheitern. Aber wir versuchen es.

Vorbei an den immer noch jungen, aber mittlerweile ja auch schon stolze 35 Jahre alten, „Beuys- Eichen“ – hinein in die altehrwürdigen Gemäuer. Der erste Hingucker: eine raumfüllende Jannis Kounellis-Installation. Der in diesem Jahr verstorbene Mitbegründer der Arte-Povera und der wohl wichtigste zeitgenössische griechische Künstler (lebte in Italien), schafft auch hier ein einprägsames Stück Poesie mit alltäglichen, „ärmlichen“ Materialien wie Kohle, Jute, Stahl. 

Fast alles dreht sich auf der documenta14 um gesellschaftspolitische Themen, gerne im historischen Kontext betrachtet, Koloniale und Postkoloniale Ausbeutungsszenarien, Künstler/innen die sich mit Vertreibung, Verdrängung, Unterdrückung – heute wie damals – beschäftigen. Ich möchte kurz einwerfen, dass ich selbst auch Künstler bin. Ich arbeite in einer Mixed Media-Technik (Öl, Photos, Collagen) auf Holz und beschäftige mich ebenfalls mit solchen Fragestellungen: Was kann und darf politische Kunst? Wie lade ich Gemälde/Kunstwerke mit gesellschaftspolitischen Themen auf und wie funktionieren sie trotzdem auch auf einer rein ästhetischen Ebene beyond words?

Oberflächlichkeiten und einfache Bullet Point-Denke mag ich nicht. Es muss tiefer gehen, es muss „berühren“, es muss sprachlos machen. Ein Kunstwerk sollte in meinen Augen ein Gedicht sein, keine Reportage. Effekthascherei, überdimensionierte Gesten, Handwerk-Geprotze mag ich nicht. Das werfe ich auch dem Bücher-Parthenon vor. Er ist mir zu einfach gedacht, lebt vom Effekt und eignet sich zu gut als Selfie-Hintergrund. Aber Großereignisse brauchen diese Ansagen.

Ein anderes Werk, was im Vorfeld in den Medien war: die „Real Nazis“ von Piotr Uklanski. Die riesige Kopfcollage zeigt neben den bekannten Nazi-Größen auch u.a. Beuys sowie unbekannte Frauen und Männer. Die Message ist klar, braucht man keine drei Minuten dafür. Das ist zu wenig, das geht nicht tief genug.

© Nils Klinger

 

Wie es besser geht – wo der Stachel eindringt, nicht nur die Haut ankratzt: das grandiose Werk „A War Machine“ von Sergio Zevallos. Komplex, vielschichtig, durchgeknallt, philosophisch, irre, schön. Mir fehlen da jetzt noch die Worte und das ist ein gutes Zeichen. Alles, was ich sofort erklären kann ist doch langweilig. Das ist die Power von Kunst. Ich brauche noch einige Tage, um das zu verarbeiten. Googlen Sie bitte. 

Zwischendurch zwei Ausnahmen/Raritäten auf dieser documenta: gemalte Abstraktionen, rau und ursprünglich, Sprühfarbe auf Bettlaken. Die „Blind Paintings“ des Griechen Yorgos Lazongas. Das was nicht gesprochen wird. Mag ich. Trotzig halten sie die Position und gehen in den Dialog mit den schönen stofflich-haptischen, luftigen Installationen vor Ihrer Nase, z.B. dem poetischen Webstuhl der Träume, den „Monstren der Psyche“ von Janine Antoni, die ihre nächtlich aufgezeichneten Augenbewegungen tagsüber in eine Decke hinein webte. 

Mein Lieblingswerk dieser documenta dann in der Neuen Galerie. Ein ganzer Seitenflügel des Gebäudes bespielt mit Malerei, Notizbüchern, Objekten, Schultischen, Bänken, jahrhundertaltem Holzspielzeug, Photos, Soundtrack per Kopfhörer u.a. von Bach (Choräle), Arvo Pärt und Händel. Die im Raum ausgehangenen und mit expressiven, an eine Mischung aus Kinderzeichnung, Basquiat und Dubuffet erinnernden Malereien auf länglich-vertikalen Stoffbahnen geben dem Raum eine luftige und sakrale Atmosphäre. Sie sind schön und böse zugleich. Die Ruhe vor dem Sturm oder der Wind, der über das stille Schlachtfeld weht. Ein Hauch des Todes, die Schifffahrt auf dem Hades, tiefes dunkles Gewässer, wollweiße Gewänder, atemlose Stille, aus der Ferne kosmische Klänge, Harfen, die aus der Gegenwelt herüber klingen. 

„The Missing Link. Dicolonisation Education by Mrs Smiling Stone (2017)“, so der Titel dieses atemberaubenden und raumfüllenden Werkes. Die Künstlerin Elagie Gbaguidi, geboren 1965 in Dakar, fragt: Wie kann Bildung dazu beitragen das Bewusstsein zu reinigen: dass es keine Unterwesen gibt / sondern das die Geburt eines Lebens / ein Wert an sich ist / Dass jedes menschliche Wesen ein Recht / auf eine Wiege hat“. Es geht in diesem Werk um Rassenhass und den „Code Noir", ein Dekret zur Sklavenhaltung aus dem Jahr 1685 – der „monströseste juristische Text der Moderne", so Sorbonne-Professor Louis Sala-Molins. Man mag nicht glauben, dass sich das Menschen aus Fleisch und Blut, mit einem Herzen ausgestattet, ausgedacht haben. Ein perfektes Beispiel für Kunst, die es darauf anlegt zu verführen, die dieses auch im Handumdrehen vermag, die den Betrachter dann mit einem dunklen Thema konfrontiert, wie eine Fliege gefangen im Spinnennetz. Man öffnet sich dieser Kunst und kann sie tief wirken und nachhallen lassen, man will nicht wieder fort. Spinne komm‘, ich liebe dich. „Have you ever danced with the devil?“, wie Slayer dereinst sangen. 

Rüber zur documenta-Halle schlendernd erblicke ich sie schon vor dem Gebäude, die gestapelten Röhren des kurdischen Künstlers Hiwa K. zum Gedenken an Flüchtlinge, die in einem griechischen Hafen eben solche Rohre als temporäre Unterkünfte benutzten. Kasseler Studenten haben diese nun ausstaffiert, wohnlich gestaltet. Mit diesem Verfremdungseffekt ausgestattet, berühren diese Röhren umso stärker. Das Leid und die Entbehrungen der Gestrandeten scheint so noch greifbarer – oder? Gleichzeitig schießen einem – zumindest mir – zynische Gedanken von aktuellen „Micro Living“-Trends in den Kopf. Und überhaupt – wohnt man nicht als Student in Tokyo auch genauso? 

© Mathias Voelzke

 

Rein in die documenta-Halle. Yeah! Vinyl. Geil. Ali Toure. Afrikanische Folklore-Vibes. Tolle Farben, Staub, Sonne, Mali. Als Musiknerd fallen mir natürlich sofort andere Musiker ein, die ich hier auch gerne gesehen hätte: Fela Kuti oder Lee Scratch Perry – beides revolutionäre Genies, der eine tot, der andere quicklebendig und bunt in der Schweiz lebend. Afrobeat, Dub, Roots Reggae, Revolution, Black Ark, Sorrow Tears and Blood. In der großen Halle die gespenstisch von der Decke hängenden Überreste gekenterter Flüchtlingsboote, das Elend zum Greifen nahe und doch so abstrakt. 

Auf der anderen Seite an einer langen Wand ein so knuffiges, humanes, schönes Werk der Schwedin Britta Marakatt-Labba. Gestickt und bedruckt mit Geschichten aus einer anderen Welt. Auf stylischer, grober Wolle, um genauer zu sein. Dargestellt ist der Fluss und die Migration des Lebens von Rentierzüchtern im nördlichsten Schweden, von links wie von rechts ist das Bild zu lesen, mit jeweils unterschiedlichen non-linearen Handlungsfäden. Ultra delikat, fein detailliert und einfach schön anzuschauen. Kontrastprogramm in einem der anschließenden Räume: die spooky Bilderwelt der Miriam Cahn, einer Schweizerin aus Basel. Verstörende Malereien, Menschen in gespenstisch-abstrakten Endzeitlandschaften, rot angelaufene Geschlechtsorgane, um Hilfe winkende Kinder, nackte Mütter neben lustig-bösen Aliens. Diese Bilder lassen erschaudern. Da muss ich später nochmal einsteigen. 

Handy aufladen, schnelles Lunch und ab in die Neue Neue Galerie, eine ehemalige Hauptpost mit beamtiger 1970/80er Anmutung. Ich meine, noch den Zigarettendunst auf den Oberflächen zu erahnen. Nach acht Stunden merke ich langsam das ich durch bin… bis oben angefüllt und beflügelt, aber platt. Die mystisch frei hängenden Büffelschädel nehme ich noch wahr, weiter durch Räume, die spärlich beleuchtet mit auf den ersten Blick zu komplexen Sachverhalten und Stories darbieten als sie eben weg zu konsumieren, das ganze Setting hier mehr Berghain denn Galerie. Treppen hoch, kurzer Riss im Raum-Zeit-Kontinuum: Ich auf dem Weg zu einer Vorlesung, ca 1988, entfremdet und alienated. Ich funktioniere nicht mehr.

Wie gerufen kommt da der „Chillout“-Room der Künstlerin Maria Hassabi, ausgelegt mit einem herrlichen zartpink/fettrosa-farbenen Teppich, betitelt „Staging“. Wie bei meinem letzten Auftritt lausch ich ausgebrannt der subtilen Soundinstallation von Marina Rosenfeld und nicke lächelnd der asiatischen Reisegruppe mit ihren dutzenden Kameras zu. Ein toller Raum. Ich glaube ich hätte gerne diesen Teppich. To Do: bei meinem lokalen Teppichhändler mal nach „Teppich Typ ZA948 Brilliant Star“ nachfragen. Vielleicht geht da was…

© Fred Dott

 

A7 Richtung Hamburg. Tschüss documenta14. Ich mag dich, du bist super, es war toll.  

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