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Auf diese Steine können Sie bauen

Wir möchten Ihnen nur ungern Steine in den Weg legen. Aber diese hier muss man gesehen haben: Im süditalienischen Matera hauen belgische Architekten eine Weinbar in ein neolithisches Weltkulturerbe. In China wird es richtig schräg, dort ragt ein „Lowscraper“ aus 1500 Jahre alten Backsteinen diagonal in die Luft. Kurz: Das, was hier steht, ist in Stein gemeißelt.

Nur Fleisch und Nüsse auf dem Teller können sehr eintönig werden. Gut also, dass die Paläo-Diät jetzt durch Paläo-Living abgelöst wird – wohnen wie in der Steinzeit. Ein Trend, der nicht überall neu ist. In der apulischen Stadt Matera etwa graben sich die Wohnungen, die Sassi de Matera nach dem italienischen Wort für Stein, tatsächlich schon seit der Jungsteinzeit in den Fels. Nicht ganz förderlich für die Immobilienpreise: Mitte des letzten Jahrhunderts brachen in den Grotten aufgrund mangelnder Hygiene Malaria, Typhus und Cholera aus. Eine „nationale Schande“ nannte der damalige Ministerpräsident Alcide De Gasperi den Ort an der Ferse des italienischen Stiefels, die Bewohner wurden zwangsversetzt. Mit der Ernennung zum UNESCO Welterbe im Jahr 1993 und jüngst dem Titel Kulturhauptstadt 2019 hat sich Matera aber wieder berappelt. Jetzt kommen die Kreativen.

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Einer von ihnen ist Jan De Vylder vom flämischen Architektentrio de vylder vinck taillieu. Der 51-Jährige meißelte eine Weinbar in den Tufo, so nennen die Menschen hier das weiche, helle Gestein, das eigentlich kein vulkanischer Tuff, sondern Kalkstein ist. Seinen Wettbewerbsentwurf skizzierte der Belgier, ohne jemals vor Ort gewesen zu sein. Aber er hatte Glück (die Dimensionen stimmten) – und mit dem ortsansässigen Architekten Michele Andrisani noch eine Art Urgestein an seiner Seite. „Michele wusste genau, was möglich war. Und vor allem, was nicht. In Matera gibt es keine Straßen, keine Autos, nur verwinkelte Gassen. Da kannst du nicht mit einem Kran ankommen. Das hier ist alles Handarbeit“, sagt De Vylder über die Enoteca dai Tosi. Deren Herzstück, eine breite Treppe, über drei Stockwerke in den Berg führt. Auf jeder Etage: Räume mit naturbelassenen Wänden und Decken. „Die meisten Gäste gehen erst einmal nach unten an die Bar und dann noch weiter runter in den Schatzkeller.“ Falsch. Die meisten Gäste sind erstmal wahnsinnig froh, dass sie die Bar im Labyrinth der Felsenstadt überhaupt gefunden haben. Aber lassen wir De Vylder ausreden: „Da sitzt man dann bei einer guten Flasche, lernt jemanden kennen, kommt wieder hoch – und dann entdeckt man die Zisternen, die man am Anfang nicht gesehen hatte und in die man sich verkriechen kann wie in ein Privatzimmer“, sinniert der Architekt. „Ich habe das Gefühl, wir haben die gesamte Architektur der Stadt genommen, auf den Kopf gestellt und in eine Höhle gesteckt.“ Der Belgier gibt zu, schon lukrativere Aufträge bekommen zu haben.

Manchmal muss man aber auch die brotlosen Projekte annehmen. Wer darf schon ein Welterbe aushöhlen?

Bezüglich des Inventars machte sich De Vylder vor allem um die Akustik Sorgen. Grundlos. „Der Tuff absorbiert einen Großteil der Geräuschkulisse. Ich war überrascht, wie gut man sich noch unterhalten kann, selbst wenn die Räume rappelvoll sind. Das ist bei Stein normalerweise ein Problem.“ Das Grün der Einrichtung, Holzschemel und Lampen etwa, eine Sonderanfertigung aus Norditalien, greift die für Matera typischen Farben der Fensterläden auf. „Ansonsten war alles regional. Die Handwerker, die wir anheuerten, die sogenannten Tufaroli, kennen sich aus mit den Grotten. Ihr Wissen wurde von Generation zu Generation weitergegeben.“ In der Regel arbeiten die Tufaroli mit elektrischen Handsägen. Je nach Felstiefe verändere der Stein allerdings seine Härte und Dichte. Und an hartem Tuff könne man sich durchaus die Zähne ausbeißen. Dann greifen die Materaner, deren Eltern und Großeltern übrigens froh sind, nicht mehr im Fels wohnen zu müssen, sie haben jetzt eine Wohnung mit Fenstern – ein Traum! – zu einem alten Holzwerkzeug mit Metallzähnen, das den Stein abhobelt, „als wäre er Parmesan“. Sehr alter Parmesan.

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Einmal um den halben Erdball, in der Sechs-Millionen-Metropole Ningbo, südlich von Shanghai, achtgrößter Containerhafen der Welt, gilt regionale Identität derweil als limitiert und hinterwäldlerisch. Lieber macht man ganze Dörfer dem Erdboden gleich, als sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Genau das geschah auf dem Gelände des Ningbo Museums im Stadtteil Yinzhou. Über 30 Siedlungen mussten hier einem neuen Verwaltungszentrum, einem Park und dem Museum weichen. Aber dann platzte Pritzker-Preisträger Wang Shu, 58, vom Architekturbüro Amateur Architecture wie ein chinesischer Glücksdrachein die Ödnis. Anstatt den Schutt der Häuser abtransportieren zu lassen, sammelte Wang Shu die Überbleibsel, graue Backsteine und rote Ziegel in 20 verschiedenen Farbabstufungen, höchstpersönlich ein. Seine Idee: Das, was man normalerweise im Inneren eines Museums findet, sollte nach außen – und damit eine nur 24 Meter hohe, aber kolossale Demonstration gegen die anhaltende Planiermoderne sein.

Höher wollte er seinen festungsartigen „Lowscraper“ nicht bauen. Das Ding sollte stattdessen wie Kristalle schräg in die Breite wachsen und damit Ningbos alten City-Code einhalten, demzufolge die Dächer höchstens besagte 24 Meter in den Himmel ragen durften. Noch betagter als dieses Gesetz sind aber die von Wang Shu eingesammelten Abrisssteine selbst. Sie datieren bis zu 1500 Jahre zurück in die Tang-Dynastie. Die Art, wie Wang Shu sie aufeinander türmte, lässt die Fassade des Museums nicht nur aussehen wie türkisches Baklava-Gebäck, sie hat in Gegenden wie dieser, in der oft Taifune wüten, Tradition. Häuser, die in Trümmern lagen, mussten schnell wieder stehen. Am zackigsten ging das mit einer Art des Schichtens ohne Mörtelzusätze, im Osten Chinas Wapan genannt.

„Zackig“ war Imperativ bei Wang Shus Projekt. Der Architekt hatte nur wenige Monate Zeit, den 30.000 Quadratmeter großen Kulturbau zu planen. Details zu den zukünftigen Exponaten gab es keine. Nun wäre Wang Shu nicht Wang Shu, wenn er nicht trotzdem für jede Wand farbige Skizzen anfertigen und vor Ort alles wieder über den Haufen werfen würde. Zeitlich blieb er dennoch im Rahmen. Was mit Sicherheit auch an seinem Enthusiasmus liegt.

Amateur wie in unserem Namen bedeutet für mich nicht neu im Job oder dilettantisch. Es geht mir eher um die Energie, die man am Anfang seines Berufslebens hat. Die Lust, etwas zu schaffen, dieses unbedarfte Entdecken von Neuland, das ganz andere Möglichkeiten eröffnet. Das musste ich den Repräsentanten der Stadt, die immer wieder auf die Baustelle kamen, das Ganze mit Argwohn beobachteten und etwas „Zeitgemäßeres, dem technischen Fortschritt Angemesseneres“ forderten, immer wieder erklären, erzählt der 58-Jährige. Low-tech ist nicht Synonym für laienhaft.

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Wobei Wang Shu durchaus Platz lässt für Anfängerfehler. Oder besser Materialfehler. „Irgendwann standen wir vor einer Kurve, die eigentlich eine Gerade hätte sein sollen. Es gab hitzige Debatten darüber, ob wir den Fehler im wahrsten Sinne begradigen sollten oder nicht. Schlussendlich habe ich alle Parteien überzeugen können, der Natur ihren Lauf zu lassen. Man kann nicht alles kontrollieren“, so der Architekt. „Guckt hinauf in den Himmel – alles, was ihr sucht, findet ihr in den vorüberziehenden Wolken“, soll er seinem Team gesagt haben. Was ihm unter den Handwerkern den Beinamen Shifu einbrachte. Meister nennen sie ihn jetzt anstelle von Laoshi, Lehrer. „Das ist nett. Ich fühle mich wie ein alter chinesischer Philosoph“, lacht Wang Shu, der sich gerne auch von einheimischer Landschaftsmalerei inspirieren lässt.

Was man sofort glaubt, wenn man durch den 30 Meter langen Eingangstunnel des Museums schreitet und im hellen Atrium über die Beton-Wände streicht, die in Bambusmatten gegossen wurden und so das für Bambus typische Muster aufweisen. Nimmt man eine der drei ausladenden Treppen zu den oberen Ausstellungsräumen, kann es sein, dass man urplötzlich wieder ins Freie tritt, auf eine große offene Fläche. Lustigerweise fühlt es sich an, als hätte man gerade einen Berg erklommen. „Genau das wollte ich erreichen“, freut sich Wang Shu. Dass Besucher auf ihrer Vergangenheit herumklettern wie auf einem Berg. „Letztlich habe ich ja den Zuschlag bekommen, weil Ningbo imstande war, seine Geschichte komplett auszulöschen“, so der Architekt.

Pritzker-Jury-Mitglied Baron Peter Palumbo sagte bei Wang Shus Auszeichnung: „Seine Arbeiten bewegen sich jenseits der Frage Alt oder Neu. Seine Bauten sind zeitlos, tief verwurzelt in ihrem Kontext und trotzdem weltumfassend.“ Und auf einmal waren sie vergessen, die Vorwürfe, dass Wang Shu den rückständigsten Teil von Ningbo in das fortschrittlichste Viertel holte. Der Architekt dazu: „Genau darum geht es doch bei einem Geschichtsmuseum. Und wir haben mit den recycelten Wänden viel Geld gespart. Wir sind unter dem Budget von 5000 Chinesischen Yuan pro Quadratmeter geblieben, das entspricht etwa 650 Euro. Und viel wichtiger noch: Wir haben Ressourcen geschont. Was bitte ist fortschrittlicher als das?“ So kann nur ein echter Shifu sprechen.

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Dies ist ein Beitrag aus dem stilwerk Magazin „Living intensified“  verfasst von Annika Thomé. Die aktuelle Ausgabe des stilwerk Magazins erhalten Sie an den stilwerk Standorten Berlin, Düsseldorf und Hamburg sowie im ausgewählten Zeitschriftenhandel.

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