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AW Designer des Jahres 2021: Piero Lissoni

Piero Lissoni ist der „AW Designer des Jahres“ – aber der Meister stapelt lieber tief. Ein Gespräch über die Suche nach Fehlern und den Sinn der Selbstkritik.

Ich habe nie etwas Gutes entworfen.

Herr Lissoni, Sie wurden von der Zeitschrift „Architektur & Wohnen“ zum „AW Designer des Jahres“ gewählt. Mit der renommierten Auszeichnung ehrt die Redaktion Ihr Lebenswerk. Wofür würden Sie sich selbst einen Preis verleihen?
Nun, ich versuche gut zu sein, ich versuche neugierig und jung zu bleiben, die Zeichen unserer Zeit richtig zu lesen. Ich versuche, so leidenschaftlich wie vor 30 Jahren zu arbeiten, auch wenn ich heute weniger naiv bin als damals. Im Grunde versuche ich also einfach, der zu bleiben, der ich immer war. Aber ob das einen Preis verdient hat, müssen andere entscheiden.

Gibt es eine Arbeit, ein Design oder eine Architektur, die Sie nach wie vor als besonders prägend für Ihre gesamte Karriere empfinden?
Ich weiß gar nicht, ob das die richtige Frage ist. Denn ich denke jeden Tag vor allem über die Arbeiten anderer Architekten und Designer nach. Ich denke an den amerikanischen Modernismus, an das Design im Deutschland der 1960er Jahre oder an Architekturen der 1940er. An die Dinge, die mich inspirieren. Zu meiner eigenen Arbeit versuche ich, Distanz zu wahren. Dabei hilft mir, dass ich an den Dingen, die ich mache, immer eher die Fehler betrachte. Das ist gut, denn so wiederhole ich mich nie selbst, in dem Glauben, ich hätte etwas gemacht, das es zu wiederholen lohnt.

Kleine Anmerkung: Eine Auswahl der vielfältigen Möbel-Highlights, die Piero Lissoni schuf, präsentierte das Magazin AW Architektur und Wohnen mit einer besonderen Augmented Reality-Integration in der Ausgabe 01/2021. Aber sehen Sie selbst:

Ist es also die Selbstkritik, die Sie vorantreibt?
Ich sage Ihnen ganz ehrlich: Ich habe nie etwas Gutes entworfen. Das ist meine Meinung und ich diskutiere darüber jeden Tag mit mir. Wenn ich an etwas arbeite, dann will ich daran immer und immer wieder etwas verändern. Weil ich mir nie sicher bin. Ich vertiefe mich in die Fehler und falschen Entscheidungen und versuche, meine Klienten davon zu überzeugen, dass wir ein Produkt immer besser machen können. Meistens sind es dann die Klienten, die an irgendeinem Punkt sagen: Basta, das war’s, wir sind fertig! Für mich selbst ist dieser Punkt aber nie erreicht – und alles sieht am Ende irgendwie falsch aus.

Das heißt, Sie selbst finden sich gar nicht so gut?
Ich muss zugeben, dass mich das ein wenig schockiert. Absolut. Ich finde meine Arbeit falsch – was nicht bedeutet, dass ich mich nicht in sie verlieben kann. Aber, ich versuche immer, streng mit mir zu bleiben.

Ist das eine Herangehensweise, die Sie auch jungen Designer:innen empfehlen würden?
Nun, ich bin kein Priester – ich predige nicht. Ich würde nie jemandem empfehlen, etwas so zu machen, wie ich. Die kreative Arbeit ist ja ein sehr persönlicher, intimer Prozess. Und ich bin ohnehin nicht gut darin, Ratschläge zu geben und Vorbild zu sein.

Trotzdem gelten Sie vielen als ein Botschafter des italienischen Designs.
Da würde ich sofort jedem widersprechen! Italien ist voll von anderen interessanten Architekt:innen und Designer:innen, ich bin nur einer davon. Mich so herauszuheben, finde ich falsch. Natürlich gefällt es mir, wenn die Menschen das Zeitgenössische in meinen Arbeiten erkennen. Aber der Botschafter für eine Idee, einen ganzen Stil? Niemals!

Anfang des Jahres wurden Sie zum Kreativdirektor von B&B Italia ernannt. Was haben Sie mit der Marke vor?
Diese Aufgabe ist sehr einfach und gleichzeitig wahnsinnig schwer. B&B Italia. ist eine überaus erfolgreiche Marke, die in den vergangenen Jahrzehnten stetig gewachsen ist. Sie hat sehr schöne Produkte hervorgebracht, perfekte Qualitäten. Die Basis ist also gegeben, nun aber soll ich einen kleinen Twist hereinbringen. Für mich fühlt sich das an, als fahre ich ein perfektes Formel-1-Auto, einen Gewinner, an dem ich trotzdem noch ein bisschen schrauben soll. Was ich also tun kann, ist, die Marke, die so perfekt ist, ein klein wenig unperfekt zu machen.

Wie wollen Sie das schaffen?
Fest steht für mich, dass ich mit den Ikonen der Marke arbeiten will. Mit Antonio Citterios „Diesis“-Sofa zum Beispiel, oder mit dem „Camaleonda“ von Mario Bellini. Solche sensationellen Entwürfe will ich mir zum Thema nehmen und um sie herum neue Produkte und ein ganzes Markenimage aufbauen. Ich mag es, diese beiden Qualitäten zusammenzubringen: kreativ und zeitgemäß zu sein und gleichzeitig den alten Ideen zu folgen.

Tatsächlich erscheint mir das Zitatalter, verlässlicher Designs als ein Symptom unserer Zeit der Beliebigkeit.
Wissen Sie, wenn man so arbeitet, wenn man alte Entwürfe wieder aufleben lassen oder neu interpretieren will, dann muss man sehr präzise sein. Nicht alles, was irgendwann mal funktioniert hat, kann auch heute bestehen. Da muss man sehr vorsichtig und auch ein bisschen fies sein. Man muss sich fragen, ob ein Entwurf heute wirklich noch Sinn ergibt. Und manchmal ist die Antwort einfach: Nein.

Dies ist ein Beitrag von Manuel Almeida Vergara aus dem neuen stilwerk Magazin „Comeback Issue", das im Dezember 2021 erscheint. Ihr Exemplar des aktuellen stilwerk Magazins erhalten Sie an den stilwerk Standorten sowie im ausgewählten Zeitschriftenhandel. Mehr über seine persönlichen Lieblinge, Helden und ausgewählte Projekte verrät Piero Lissoni außerdem in unserer Interviewreihe #einefragedesdesigns – hier entlang ›

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