Brutalismus

Harte Schale, ehrlicher Kern – die Rückkehr einer Haltung. 

Der Brutalismus ist das ungeliebte Stiefkind der Moderne. Er ist einer der meist missverstandenen Begriffe aller Zeiten, was schon beim Namen anfängt: Brutalismus hat nichts mit dem Adjektiv „brutal“ zu tun, sondern leitet sich vom französischen „béton brut“ ab, das so viel wie „roher Beton“ bedeutet. Entstanden ist die Architekturströmung in den frühen 1950er Jahren unter dem Einfluss von Architekturlegende  Le Corbusier und dem britischen Architektenduo Alison und Peter Smithson. Ihnen ging es nicht nur um die skulpturalen Qualitäten des Baumaterials Beton, sondern um eine neue Einstellung zum Bauen: Roh belassene Betonwände, in denen die Maserung der Holzschalungen sichtbar bleiben, sollten für Nachvollziehbarkeit und Ehrlichkeit stehen. Die konstruktiven Details wurden offengelegt und der Stil vertrat eine ästhetisch radikale, bewusst antibürgerliche Haltung. Die neue Architektur sollte geschichts- und schnörkellos sein, eine Metapher für den ideologiefreien Wohlfahrtsstaat der Nachkriegszeit. 

Problematisch für die Epoche war nur, dass neben fantastischen Raumskulpturen auch viele triviale Wohn- und Büroblocks entstanden, die durch ihre düsteren Fassaden den Ruf des Brutalismus und seine angestrebte Einfachheit zerstörten. Gehasst wurde er oft von jenen Menschen, die zwischen seinen rauen, schlichten Sichtbetonwänden wohnen mussten. 

Aus diesem Grund droht vielen der aus den 1960er Jahren stammenden Gebäude – darunter oft auch anspruchsvolle Architektur, die eigentlich einen differenzierten Blick verdient – der Abriss. 1988 beschimpfte Prinz Charles das von Denys Lasdun erbaute Royal National Theater als „Furunkel im Gesicht eines geliebten Freundes“. Der Bau in London gilt mit seinen verschränkten Betonterrassen als Archetyp des Brutalismus. Trotzdem konnte der Bau bis heute dem Abriss entkommen und bietet außergewöhnlichen Theaterinszenierungen einen beeeindruckenden Rahmen.

Neben den Brutalismus-Gegnern gibt es zunehmend auch wieder mehr Liebhaber der Betonarchitektur. So sammelt das Onlineprojekt „SOS Brutalismus“ Informationen zu allen Gebäuden, die dem Untergang geweiht sind und bietet  Unterstützern die Möglichkeit gegen den Abriss der Baudenkmäler aktiv zu werden. Hier finden sich Schmuckstücke deutscher Sichtbetonarchitektur der Jahre 1953 bis 1978. Neben aktuell bedrohten Kostbarkeiten sind auch Beton-Stars wie der Nevigeser Wallfahrtsdom des Pritzker-Preisträgers Gottfried Böhm dabei.

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Brutalistische Bauwerke polarisieren gerne. Das macht ihren Reiz aus. Sie sind „Störer“, die Grusel, Ärger oder Bewunderung hervorrufen. Das gelingt übrigens auch heute noch. Es ist keineswegs so, dass dieser Stil ausgestorben wäre. Wie so vieles was heutzutage aus der Vergangenheit wieder ans Licht gebracht wird und in leicht veränderter Form auf das Heute bezogen wieder zu neuem Leben erwacht. In der Vielzahl an Architekturstilen, die das jetzige Bild zeitgenössischer Architektur prägen, finden wir auch einen neuen Brutalismus, der unter anderem von jungen Architekten aus Chile seine Anerkennung findet. Ein Beispiel ist das Centro de Innovación Anacleto Angelini, das der Architekt Alejandro Aravena 2014 unter dem Titel „ELEMENTAL" an der Universidad Católica in Santiago baute.

In den letzten Jahren ist es zu beobachten, dass parallel zum Abriss der alten brutalistischen- viele neue Gebäude entstanden sind, die auffällig große Ähnlichkeiten mit den Abrisskandidaten haben. Die Wohnüberbauung am St. Alban-Ring in Basel, die 2002 vom Büro Morger & Degelo errichtet wuerde, könnte beispielsweise genauso gut aus den 1970ern stammen. Ebenso wie die Bocconi-Hochschule in Mailand von Grafton Architects aus dem Jahr 2008.

Diese in Beton gegossene Haltung ist der Grund, warum sich nun auch die nächste Generation um die 20 für den Brutalismus begeistert. Das zumindest erklärt die Kunsthistorikerin Karin Berkemann in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung:

Ich höre immer häufiger von Studenten, dass sie diesen ganzen Stahl- und Glas-Hochglanz satt haben, diese polierten Fassaden, die keinen Makel haben. Daher die Sehnsucht nach diesen Klötzen; diesen herben, kompromisslosen Bauten, die so unangepasst scheinen.

Das raue, graue Äußere der Betonfassaden dient für die jungen Architekten als leere Leinwand für ihre kreativen Ideen. Wir sind gespannt auf diesen „Neuen Brutalismus". 

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