Designikone: Stool 60

Viele Entwürfe des 1976 verstorbenen Architekten und Designer Alvar Aalto wie „Stool 60“ oder „Paimio“ sind zu Klassikern geworden, weil sie so schön, so schlicht, so funktional sind. Der finnische Meister war außerdem davon überzeugt, dass Möbel zur Gesundheit des Menschen beitragen können: Der berühmte Stool 60 ist nichts zum Rumlümmeln: Haltung ist angesagt

Es gibt Möbel, die nicht zum Lümmeln einladen. Gut so, findet die slowenische Designerin Nika Zupanc: „Zu gemütlich dürfen wir es uns nicht machen, sonst hören wir auf zu denken.“ Kein Freund des Ungemütlichen, aber ein Schöpfer von so manchem Stück, das Haltung fordert, war der finnische Architekt Alvar Aalto, der auch als Designer Maßstäbe setzte. Berühmt ist sein „Stool 60“: Ein dreibeiniger Hocker, der einfacher nicht sein könnte, aber bis heute zu den beliebtesten Sitzgelegenheiten zählt – obwohl keine Lehne zum Entspannen einlädt.

Als Aalto und der Möbelfabrikant Otto Korhonen sich 1929 die ersten Exemplare zuwarfen, um ihre Stabilität zu testen, soll der Gestalter gesagt haben: „Du, Otto, dieser Hocker wird noch zu Tausenden verkauft.“ Er irrte. Inzwischen gibt es den Holzschemel millionenfach. In schicken Hotels genauso wie auf dem Fischmarkt in Helsinki. Denn er sieht nicht nur gut aus, sondern passt auch in die heutige Zeit. Weil er unterschiedlich einsetzbar (etwa als Couchtisch) und mobil (stapelbar) ist.

Ein anderes Möbelstück von Aalto, das dem Besitzer ebenfalls eine spezielle Haltung abverlangt: der legendäre Sessel „Paimio“, den er für das von ihm erbaute Tuberkulosezentrum in Südfinnland entwarf. Die nach hinten gekippte Lehne der geschwungenen Sitzfläche versetzt einen in eine leichte Liegeposition, bei der die Bronchien geweitet werden. Heute steht dieser Sessel nicht in Kliniken, sondern ist längst in unsere Wohnzimmer eingezogen. Wie viele von Aaltos Entwürfen, die der Inbegriff von Zeitlosigkeit sind. Warum wir uns damit so wohl fühlen, liegt daran, dass auch der Finne Haltung bewies – eine humanistische dem Design gegenüber. Er war davon überzeugt, dass Möbel zur Gesundheit beitragen können.

Und so gilt er zwar als Fan der Bauhaus-Ideen, aber nicht des typischen Bauhaus-Materials, dem Stahlrohr: „zu kalt“, fand er und arbeitete daran, stattdessen Birkenholz so in Form zu bringen, dass es Metall ersetzen konnte. Biegen, ohne zu brechen – dieses Prinzip brachte die Firma Artek zur Perfektion. Ein Betrieb, den Aalto 1935 zusammen mit seiner Frau Aino gründete, und der bis heute die Möbel des 1976 verstorbenen Designers herstellt. Ihr Markenzeichen: der Schwung ihrer L-förmigen Beine, die auch den „Stool 60“ so unverwechselbar machen. Dafür werden Holzbretter mehrmals der Länge nach quer eingeschnitten, mit Wärme und Feuchtigkeit geschmeidig gemacht, dann die Zwischenräume mit gehobelten Holzblättern verklebt, und die Bretter schließlich unter Druck und Dampf gebogen. Vorbilder für seine geschwungenen Formen fand Aalto auch in der Landschaft seiner Heimat. Das zeigt unter anderem die berühmte Glasvase „Savoy“, deren wellenförmiger Umriss an die Ufer eines Sees erinnert. Das Ergebnis: abgerundete Ecken statt scharfer Winkel. Und, humanistisch betrachtet, vielleicht auch ein Plädoyer für eine Gesellschaft mit weniger spitzen Ellenbogen.

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