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Die Schaumschlägerin

Sägemehl, Pflanzenstärke und viel Luft – fertig ist das Material der Zukunft. Produktdesignerin Nicole Dietz präsentierte es bei der Ausstellung „German Design Graduates": Ihr „Form Dust“ ist komplett schadstofffrei und könnte uns bald im Büro begegnen.

Wenn das Material, das Nicole Dietz erfunden hat, aus dem Trockenofen kommt, sieht es ein bisschen aus wie Vollkorn-Knäckebrot. Das betrifft nicht nur die Farbe, sondern auch die Struktur: Luftkammern ziehen sich quer hindurch, die Oberfläche ist ungleichmäßig gewellt und gedellt. „Die Zutaten sind alle natürlichen Ursprungs, aber essen würde ich es trotzdem nicht“, lacht die 27-jährige Produktdesignerin. Für ihr Abschlussprojekt mit dem Titel „Form Dust“ für das Master-Studium Produktdesign an der Weißensee Kunsthochschule Berlin ging sie zurück dahin, wo ihre Reise in die Designwelt einst als Schreiner-Praktikantin begann. „Ich wollte schon länger ein nachhaltiges Material aus Holzabfällen entwickeln“, erzählt die Wahl-Berlinerin, die in Bayern aufwuchs. 

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Die erste Herausforderung war, überhaupt an reines Sägemehl zu kommen. „In der Möbelindustrie hat man bei Holzabfällen fast immer mit zugefügten chemischen oder tierischen Stoffen zu tun“, erklärt Dietz. Als überzeugte Veganerin war es ihr aber extrem wichtig, auf Bindemittel wie Knochenleim oder das Milchprotein Casein zu verzichten. „Ich wollte aus persönlichen, ethischen und ökologischen Gründen, dass keiner meiner Rohstoffe einen tierischen Ursprung hat.“ Sie fand ihre natürlichen Holzabfälle sozusagen an der Quelle: bei Sägewerken.  Um das Holzmehl zu einem homogenen Teig zu verarbeiten, fügte Dietz pflanzliche Stärke hinzu. Was im Nachhinein so einfach klingt, war ein langer Findungsprozess. Wochenlang stand sie mit Kochschürze und Rührlöffel in der Werkstattküche der Kunsthochschule vor blubbernden Kochtöpfen. Kreativ wie Comic-Tüftler Daniel Düsentrieb vermengte sie immer wieder das Sägemehl unterschiedlicher Holzsorten mit Bindemitteln und mineralischen Pigmenten und hielt darüber genauestens Buch. Sie rührte, schäumte und erhitzte die Substanzen, bis sie hatte, was sie suchte: ein biologisch abbaubares und recycelbares Material, das komplett aus Pflanzenstoffen besteht. Dazu besitzt es schallabsorbierende Eigenschaften und kann im trockenen Zustand wie Holz behandelt werden. Noch immer grinst Nicole Dietz sichtlich stolz, wenn sie davon erzählt. Sie hebt eine kleine Platte hoch: Ihr Sägemehl-Schaum ist extrem leicht, hat im Rohzustand eine hellbraune Färbung und riecht angenehm nach Holz. „Wenn man wollte, könnte man die Luftlöcher noch mit einer Füllmasse präparieren, um eine glatte Struktur zu erhalten.“ Dann sieht der Sägemehlschaum sogar fast aus wie das Trend-Material Terrazzo. „Oder man kann die Oberfläche einfärben“, erzählt Dietz. So wäre ihr Material bestens einsetzbar als Wandverkleidung — etwa als natürlicher Schallabsorber in Büros oder öffentlichen Räumen. „Dank der pflanzlichen Basis gibt es auch keine Giftstoffe an die Umgebungsluft ab.“  Für den Möbelbau eignet sich der Sägemehl-Schaum leider nicht: zu porös. Doch für Nicole Dietz ging es auch nie darum, ein serienfertiges Material zu entwickeln, das die Möbelindustrie revolutioniert. „Ich versuche mein Wissen um Nachhaltigkeit in meine tägliche Arbeit einzubringen und bei jedem Projekt von vornherein an die gesamte Wertschöpfungskette zu denken.“ Ein Denken, das in der Designwelt in den letzten Jahren vor allem im Hinblick auf Kunststoffe Einzug gehalten hat. Doch Dietz‘ Sägemehl-Schaum kann am Ende der Nutzung nicht nur recycelt, sondern komplett biologisch abgebaut werden. Auch deshalb wurde er Anfang 2020 in die Auswahl für den „Green Concept Award“ aufgenommen.  

Mit ihrem veganen Anspruch geht Nicole Dietz aber noch einen deutlichen Schritt weiter und weist die Richtung, in die sich Design in den nächsten Jahren entwickeln könnte. Alles, was es dafür braucht: ein paar Abfälle.   

Dies ist ein Beitrag aus dem stilwerk Magazin „ever green“ von Janina Temmen. Ihr Exemplar des stilwerk Magazins erhalten Sie an den stilwerk Standorten sowie im ausgewählten Zeitschriftenhandel.

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