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Future Faces: Gunnar Froh

Gunnar Froh ist CEO und Gründer von Wunder Mobility. Nie gehört? Aber sicherlich schon mitgefahren. Denn das Hamburger Unternehmen gehört zu den weltweiten Marktführern bei der Software für Sharing Systeme. Wir wollten wissen: Wie sieht die Fortbewegung der Zukunft aus, wo steht die Mobilitätswende gerade und was hat Airbnb damit zu tun, Herr Froh?

Wo steht das Thema „Shared Mobility“?
Wir befinden uns 2021 gerade im Übergang, weg vom individuellen Auto und hin zu geteilter Mobilität und kleineren, elektrifizierten Fahrzeugen. Das Thema an sich ist präsent, und in den letzten Jahren hat sich die Technik dafür unglaublich weiterentwickelt, selbst die Batterien sind stärker und leistungsfähiger geworden. Wir nehmen also langsam Fahrt auf in Deutschland. Aber eine Wende kann nicht binnen weniger Monate erfolgen, das dauert Jahre. Berlin ist die europäische Hauptstadt für geteilte Mobilität. Hier gibt es die meisten Angebote pro Einwohner. Man schätzt aber, dass jeden Tag dort gerade mal ein Prozent aller Fahrten auf Citybikes, Kickscootern und ähnlichen Fortbewegungsmitteln hinterlegt werden. Das zeigt, wie weit wir noch am Anfang stehen und wie viel Potenzial noch zu erschließen ist.

Vor zwei Jahren schien Hamburg mit dem ersten Senator für Verkehr und Mobilitätswende, Anjes Tjarks, noch hochmotiviert. Wo steht die Hansestadt heute?
Man sieht natürlich bereits, dass sich etwas verändert. Über die Corona-Zeit hat Hamburg ebenfalls die Möglichkeit genutzt, beispielsweise Fahrrad- und Lade-Infrastruktur auszubauen oder autofreie Zonen einzurichten. Jahrelang war Kopenhagen das große Beispiel, mittlerweile ist es Paris. Eine Stadt, die man vorher nie damit in Verbindung brachte, hat diesen Übergang geschafft. Hier wurde die Mobilitätswende stark propagiert und der öffentliche Raum verändert. Pariser sehen es als Steigerung der Lebensqualität und binden das Angebot in ihren Alltag ein. Auch politisch ist Bürgermeisterin Anne Hidalgo damit erfolgreich und kandiert nun sogar um den Präsidententitel. In Hamburg ist man auf dem richtigen Weg, aber man muss diesen noch ein paar Jahre weitergehen.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, auf der technischen Seite zu arbeiten?
Vor vier Jahren waren wir selbst einer der Betreiber, aber es war damals schwierig, profitabel zu sein. Dann gab es eine Interaktion mit einem großen Automobilhersteller, der gerade aus dem Dieselskandal kam und mit einem neuen CEO an solchen Themen interessiert war. Der Konzern wollte uns nach monatelanger Prüfung kaufen. Es hat sich relativ schnell herausgestellt, dass unsere Technik und Software das Lockmittel waren. Wir haben dann entschieden, nicht unsere Firma zu verkaufen, sondern Lizenzen für unsere Software anzubieten. Der eigentliche Deal kam damals nicht zustande, aber dafür eine Geschäftsidee, die viel wertvoller und profitabler ist.

Wer sind ihre Kunden?
Ganz unterschiedlich. Unsere Kunden sind auf fünf Kontinenten und in 900 Städten aktiv. Darunter Konzerne wie Toyota oder bekannte Start-ups aus Amsterdamm, Kopenhagen oder Berlin. Teilweise aber auch städtische Unternehmen aus Bielefeld, Frankfurt oder Düsseldorf. Unsere Positionierung als Softwareanbieter ist heute planbarer und resilienter.

Wo ist der spannendste Markt?
Weltweite Mobilität fügt sich immer den örtlichen Umständen. Wir haben erst kürzlich einen Vertrag mit einem norwegischen Kunden abgeschlossen, der besonders in kleineren Städten aktiv ist. Die Kickscooter werden dort mit Spikes ausgestattet, sodass sie winterfähig sind. Was in Hamburg und Berlin passiert, ist relativ absehbar, doch was außerhalb von größeren Städten in Bewegung kommt, ist umso spannender. Sie haben vor Jahren Airbnb mit aufgebaut. Gibt es Parallelen zwischen der Hospitalityund der Mobility-Branche? Absolut! Beides ist ein lokaler Service, der jeden Tag aufs Neue angeboten wird. Ein Host auf Airbnb muss abends die Betten vorbereiten oder Gäste empfangen; die geteilte Mobilität sammelt zur gleichen Zeit Fahrzeuge ein, um sie neu zu positionieren. In beiden Branchen steht und fällt alles mit der lokalen Organisation, also dezentralen Akteuren. Bei Airbnb war ein Hauptgedanke, dass das jeweilige Reiseerlebnis eines Gastes sehr stark an das Engagement der Gastgeber gebunden ist. Gehandhabt wird alles über eine Plattform. Beide Branchen lassen sich schwer zentral steuern und brauchen diese dezentralen Mechanismen. Sie müssen lokal agieren und sich den Umständen vor Ort anpassen. Man kann nicht einfach seine Mietwohnung zum Airbnb machen, genauso gibt es nur begrenzte Abstellflächen für geteilte Fahrzeuge. Da braucht es viel Feingefühl und Kommunikation an den jeweiligen Standorten.

Welches Fahrzeugmodell wird sich am erfolgreichsten durchsetzen?
Es wird nicht eines sein, sondern viele. Das eigene Auto wird seine Stellung verlieren. Wir nennen das „unbundling“. Aus einer Möglichkeit zur schnellen Fortbewegung werden zehn bis 15 Alternativen. Jeder hat Zugang zu vielen Fahrzeugen und kann im Laufe einer Woche verschiedene nutzen. Auf dem Weg zur Arbeit ist es vielleicht ein Moia, dort hat man WLAN und kann Emails beantworten, zum Sport dann ein Kickscooter, und wer die Kinder von der Kita abholt, transportiert sie im geteilten Lastenrad. Man wird mehr Auswahl haben und gleichzeitig viel weniger Arbeit damit. Kein Tanken, keine Reinigung sowie Werkstattinspektionen werden notwendig sein. Die Generation meiner Kinder wird sicherlich kein eigenes Auto mehr besitzen müssen.

Wie werden diese Fahrzeuge das Design von Städten weiter verändern?
Der urbane Raum wird anders aufgeteilt sein. Viel Raum werden Fahrzeugtypen haben, die sich im Wesentlichen an Fahrrädern und elektrischen Zweirädern orientieren. Die heutige Autofahrbahn wird kleiner werden, und es wird Platz für neue Fahrzeugtypen geben, die wir noch nicht kennen. Solche Elektrozweisitzer gibt es heute beispielsweise schon sehr häufig in Amsterdam. Die Einteilung, wo etwas parkt, wird viel aufgeräumter und übersichtlicher sein. Auch werden keine Roller chaotisch im Weg stehen. Vielleicht entsteht im neu gewonnenen Raum auch mehr Grünfläche. Die Geschwindigkeit wird eventuell beschränkter sein, aber gleichzeitig steigt die Lebensqualität. Na ja, und trotzdem werden Menschen nicht langsamer von A nach B kommen.

Ist das Aus für Automobilhersteller absehbar?
Nein, Volkswagen und andere Konzerne sind auf einem gutem Weg. Sie haben vielleicht etwas länger gebraucht, um zu realisieren, dass man die Mobilitätswende nicht noch ein paar Jahre vor sich herschieben kann. Aber wenn sie den Schalter einmal umlegen, dann haben sie auch die Ressourcen, alles stark voranzutreiben. VW etwa hat jedes Jahr ein riesiges Entwicklungs- und Forschungsbudget von ca. 14 Milliarden Euro. Die Herausforderung der Automobilhersteller ist gerade, dass sie mehrere tiefgreifende Veränderungen gleichzeitig auf der Agenda haben: die Elektrifizierung, autonomes Fahren und Sharing Modelle. Die Frage ist eher: Wollen die Leute zukünftig zu einem großen Händler gehen und ein Auto kaufen? Oder nehmen sie es einfach von Sharing Anbietern und behalten es, solange sie wollen? Diese Geschäftsmodelle verändern sich immens. Dadurch kommt der Druck in der Branche. Aber man wird es gut hinbekommen.

Dieser Beitrag ist als Teil der von Silke Roth geführten Interviews unter dem Titel „Future Faces" im neuen stilwerk Magazin „Comeback Issue" erschienen. Ihr Exemplar des aktuellen stilwerk Magazins erhalten Sie an den stilwerk Standorten sowie im ausgewählten Zeitschriftenhandel. 

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