stilwerk_magazin_comeback_future_faces_oona_horx_strathern_stage

Future Faces: Oona Horx-Strathern

Oona Horx-Strathern beschäftigt sich seit über 25 Jahren mit Zukunftstrends. Die gebürtige Londonerin ist Living Expertin und veröffentlicht jedes Jahr einen aufschluss reichen Home Report. Wir wollten mehr darüber erfahren: ein Video-Call zu den Grenzen des Wohnens.

Frau Horx-Strathern, welche ist die spannendste Veränderung, die wir gerade im Wohnraum erleben?
Den größten Einfluss hat „Hoffice“. Ich mag den Begriff sehr! Zum einen ist er kürzer als Homeoffice, zum anderen lehnt er an das Wort „Hope“, also Hoffnung, an. Lange redete man von WorkLife-Balance. Aber den Ausdruck finde ich seltsam. Balance klingt so, als würde man mit Arbeiten aufhören und dann schlagartig Freizeit haben. Wir leben heute eher in einem „Work-Life-Blending“. Die anhaltende Veränderung in der Arbeitswelt ist sehr bedeutend, und sie beeinflusst auch andere Lebensbereiche. Wir entdecken zum Beispiel „Cooking is the new commute“ – heißt: Wir haben endlich wieder Zeit, um jeden Tag frisch zu kochen, weil wir nicht im Pendlerverkehr stecken. Mit Blick auf den Wohnraum heißt es, dass wir mehr Flexibilität und Multifunktionalität brauchen. In Grundrissen wie auch im Interieur.

Improvisierte Bürosituationen zu Hause – das kann ziemlich Nerven kosten. Wie kann man die Veränderung meistern?
„Hoffice“ wirbelte alles durcheinander. Aber diese Veränderung schafft auch einen anderen Zugang zu unserem Zuhause. Wir haben unseren Wohnraum neu entdeckt. Natürlich war es charmant, auf dem Sofa, im Bett oder – wie ich – in der Waschküche zu arbeiten. Aber je länger diese Situation anhält, umso mehr muss man den eigenen Arbeitsplatz definieren. Physische Trennung ist wichtig, um auch mental trennen zu können. Was uns in der Übergangsphase hilft, ist ein Bewusstsein für die vier „L“ – Luft, Lärm, Licht und Liebe. Diese Faktoren bilden den Rahmen für gut funktionierendes Work-Life-Blending. Frische Luft brauchen wir zum Denken, deshalb rücken Gärten und Balkone mehr in den Fokus. Genauso ist es mit Licht. Beleuchtung, hat etwas mit Kreativ sein und Ideen finden zu tun. Viele merken, dass sie ihr Lampen-Arrangement stark vernachlässigt haben. Wie isoliert man Lärm besser, wenn viele Leute gleichzeitig arbeiten? Dafür werden Paravents und anpassungsfähige Möbel gefragter. Und natürlich, wie bewahren wir die Harmonie, wenn die Familie den ganzen Tag zu Hause ist?

stilwerk_magazin_comeback_future_faces_oona_horx_strathern_page_03
stilwerk_magazin_comeback_future_faces_oona_horx_strathern_page_05

Wie meistert das die Zukunftsfamilie Horx-Strathern?
Wir waren im März 2020 plötzlich drei Generationen im Haus. Ich wollte, dass mein Vater aus London zu uns nach Wien kommt, damit er nicht während des Lockdowns allein ist, und unsere Söhne sind auch wieder eingezogen. Wir mussten alle lernen zu kommunizieren und kämpften täglich um den besten Arbeitsplatz. Das hatte etwas Darwinistisches. Wir haben viel improvisiert, Gartenmöbel nach drinnen geholt, weil wir nicht genügend Tische hatten. Es war ein richtiges Experiment, und wir haben viel gelernt, auch an Toleranz. Ich erkläre in meinem aktuellen Home Report eine Entwicklung, die da anknüpft: „Home Suite Home“. Es umschreibt die Pflege und Verbindung zum Wohnraum. Das habe ich auch bei mir gemerkt. Man hübscht auf, kauft Kissen, pflegt den Balkon. Ich habe mit Farben und Tapeten herumgespielt – die Inspiration stammte von einem Hotel. Früher haben sich Hotels die Ideen von Privathäusern genommen, heute ist es andersherum. Wir möchten die Einrichtung aus dem Hotel besitzen: die Bettwäsche, die Pflegelinie, die Handtücher. Designhotels sind eine Destination geworden. Man reist nicht mehr an einen Ort des Ortes wegen, sondern weil dort ein spannendes Designhotel wartet.

Vielseitigere Möbel also – sterben demnach Designklassiker aus?
Das würde ich nicht sagen. Das Interesse an Designikonen hat viel mit Nachhaltigkeit zu tun. Man möchte gezielt Möbel kaufen, die lange halten, Geschichte erzählen und ein Stück der eigenen Biografie mitschreiben. Ein Stuhl, der noch aus der Zeit stammt, als man Single war. Ein Esstisch, den man kaufte, als die Kinder zur Welt kamen. Möbelklassiker sind hoch emotional und etwas, das sicherlich bleibt

Welche anderen Einrichtungstrends sind wichtig aus der Sicht einer Zukunftsforscherin?
Es gibt einen starken Trend zu haptischen Möbeln. Stücke, deren Ursprung man erkennen kann. Weiche und warme Oberflächen, natürliche Farben, viel Holz. Es wird in Zukunft wichtiger werden, woher die Möbel stammen und welche Entstehungs-Story dahintersteckt. Ich schreibe gerade an meinem nächsten Home Report, und der Begriff „Furnearture“ ist super interessant. Er bezeichnet Möbel, die Nähe und Transparenz zeigen. Emotional wie auch physisch. Das Modelabel Arket integriert bereits Transparenz, indem sie auf die Hälfte ihrer Produkte Impact-Labels drucken. Wie beeinflusst das Produkt die Umwelt? Wie viel davon ist recycelt? Das ist, wenn man es im großen Ganzen betrachtet, ein Gegentrend zur Digitalisierung. Wir sind im Alltag screenabhängig. Zu Hause sehnen wir uns nach Echtheit, Haptik und Analogie.

stilwerk_magazin_comeback_future_faces_oona_horx_strathern_page_00
stilwerk_magazin_comeback_future_faces_oona_horx_strathern_page_08

Offline-Leben ist ein gutes Stichwort – die Sehnsucht nach Natur und Draußensein ist riesig. Haben Mega-Metropolen ihren Glanz verloren?
In vielen Städten fehlen öffentliche Plätze und Parks. Hamburg macht das gut, aber das Element Wasser suggeriert per se viel Freiheit. In anderen deutschen Citys müssen neue Impulse her. Wir haben im Lockdown das Gefühl erlebt, wie es ist, wenn Innenstädte leer sind, Straßen ruhig und nicht befahren, ja, selbst die Luft wurde sauberer! Wir kommen gerade zurück und merken, dass uns der alte Zustand Lebensqualität raubt. Wir haben jetzt eine Vision, wie es sein könnte, eine Fast-Forward-Situation der Zukunft. Das Gute daran: Wir wissen genau, was uns fehlt, und haben die Chance aktiv etwas daran zu ändern.

In welcher Stadt wohnt man heute schon wie in der Zukunft?
Kopenhagen ist ein großartiges Beispiel, wie man eine Stadt gut gestalten kann, und sehr divers. Jan Gehl ist einer der bekanntesten Stadtplaner dort und hat einen spannenden Zugang zu seiner Arbeit. Er ist mit einer Psychologin verheiratet und betrachtet Architektur immer von der psychologischen Seite. Er spricht sogar von „Neuroarchitektur“: Darin sieht er Menschen als das Wichtigste, dann kommen Lebensräume und zuletzt Gebäude. Ein inspirierendes Arbeitsmantra, das man seit Jahren in Kopenhagen spürt.

Welche Stadt hat das größte Potenzial?
Berlin ist interessant, weil dort eine Dorfstruktur wächst. Zu Beginn der Pandemie kam hier ein großes Nachbarschaftsgefühl auf. Man verließ sich auf das Miteinander und unterstützte lokale Unternehmer. In London kommen kleine Tante-EmmaLäden zurück. In Paris hat Bürgermeisterin Anne Hidalgo Großes vor und möchte die Innenstadt so umgestalten, dass Behörden, Schulen und Kindergärten binnen 15 Minuten erreichbar sind. Natürlich zählt dazu auch eine Boulangerie – wir reden hier von Paris (lacht). Was ein korrigiertes Stadtbild auch beeinflussen wird, ist unsere alternde Gesellschaft. Wir brauchen die Nähe zu lokalen Händlern, keine großen Einkaufscenter.

stilwerk_magazin_comeback_future_faces_oona_horx_strathern_page_04
stilwerk_magazin_comeback_future_faces_oona_horx_strathern_page_06

Sie selbst leben mitten im Grünen, in einem futuristischen Haus am Stadtrand von Wien, das in Module „Love“, „Hub“, „Kin“ und „Work“ unterteilt ist. Wie sieht es darin aus?
Vor dem Bau haben wir lange überlegt, welche Trends und Innovationen wir umsetzen. Wir nennen es „Future Evolution House“, es soll sich permanent ändern und anpassen. Wir versuchen stets neue Technologien auszuprobieren oder bauen es um. Wir haben gerade eine effektivere Photovoltaik eingebaut, nutzen Wärmetauschpumpen statt Erdgas. Alles soll so CO₂-neutral wie möglich sein. Wir produzieren mehr Energie als wir verbrauchen. Seit zehn Jahren fahren wir Elektroautos. Selbst unsere Söhne hatten schon E-Mopeds, als sie noch zur Schule gingen. Viele denken, wir wohnen in einem spacigen Future House, aber wir nennen es eher „social smart“. Wir haben Privaträume als Paar, die Kinder haben ihren Teil, es gibt Familienräume und unser Work-Modul. Vier Bereiche, die wir später, wenn wir älter sind, anpassen können.

Enttäuschen Sie uns nicht – keine Virtual Reality-Spielwiese?
Sie würden überrascht sein: Wir haben wenig „toys for the boys“. Alexa, Virtual-Reality-Brillen, Roboter, Brotbackmaschine und Joghurt-Maker – wir haben alles ausprobiert und waren schnell gelangweilt. All das liegt in unserem Keller begraben. Wir wollen keine digitalen Hausmeister werden!

stilwerk_magazin_comeback_future_faces_oona_horx_strathern_page_01
stilwerk_magazin_comeback_future_faces_oona_horx_strathern_page_02

Oona Horx-Strathern ist Trend- und Zukunftsforscherin, als Autorin und Beraterin tätig sowie auf internationalen Bühnen eine gefragte Wohnexpertin. In ihrer Home-Report-Serie (Ausgabe 2021Ausgabe 2022) benennt und analysiert sie regelmäßig die relevanten Trends für Wohnen, Bauen und Architektur (zukunftsinstitut.de). Sie ist mit dem Trendforscher Matthias Horx verheiratet und hat zwei Söhne. Unser Gespräch ist als Teil der von Silke Roth geführten Interviews unter dem Titel „Future Faces" im neuen stilwerk Magazin „Comeback Issue" erschienen. Ihr persönliches Exemplar des aktuellen stilwerk Magazins erhalten Sie an den stilwerk Standorten sowie im ausgewählten Zeitschriftenhandel. 

Schön, dass Sie da sind!

Mit dem stilwerk Newsletter erfahren Sie zukünftig alles exklusiv und aus erster Hand: Trends, Ausstellungen, Verlosungen oder Events – im stilwerk Kosmos lässt sich immer etwas Neues entdecken. Für uns ist Design alles. Jeden Tag. Rund um die Uhr. 

Melden Sie sich für unseren Newsletter an und wir schicken Ihnen die aktuelle Ausgabe des stilwerk Magazin per Post.* Viel Spaß beim Schmökern. 

 

* Die Teilnahmebedingungen finden Sie hier ›

Jetzt noch ein paar Details…

Zurück

Willkommen im stilwerk!

Nur noch ein Klick, dann sind Sie dabei.
In Kürze erhalten Sie eine personalisierte E-Mail mit einem Bestätigungslink und der Möglichkeit, Ihre Daten zu vervollständigen.
Wir freuen uns.

Fehler