stilwerk_magazin_ inspiring_spaces_gut_gebaut_stage.jpg

Gut gebaut

So inspirierend können Sozialwohnungen aussehen! Im mexikanischen Bundesstaat Hidalgo entstand ein Dorf aus Modellhäusern. Die Gebäude mit ihren modernen Formen und hochtechnologischen Materialien erdachten sich renommierte, internationale Architekturbüros – die sich die künftigen Bewohnerinnen und Bewohner normalerweise kaum leisten könnten.

Wie wollen wir in Zukunft leben? Immer wieder fällt diese Frage, wenn es um Stadtplanung und Architektur, aber auch um Gesellschaft und Politik geht. Ein bisschen hört sich das an, als sei die Zukunft eine Art Wunschkonzert: alles nur eine Frage der persönlichen Vorstellungs- und Willenskraft. Dabei sind die Rahmen und Räume, in denen viele Menschen ihren Alltag gestalten, nur bedingt frei gewählt. Sie können nicht aus einem Mehr an Optionen wählen, wo sie morgens aufwachen und abends wieder einschlafen – die harte Grenze zieht das eigene Portemonnaie. Umso wichtiger, dass auch Lebensräume für schmalere Budgets gut gestaltet werden, dass sie einladen zum Leben und zum Träumen.

stilwerk_living_intensified_gut_gebaut_half_page_3
stilwerk_living_intensified_gut_gebaut_half_page_2

Mexikanische Sozialwohnungen jedenfalls könnten bald schon von dieser Idee profitieren. Hinter dem Projekt „Practical Experimentation and Research in Housing Lab“ steckt Infonavit, das landesweite Bundesinstitut für Arbeiterwohnungen. Infonavit ließ 32 internationale Architekturbüros nicht  nur nach neuen Konstruktionen und Techniken für den sozialen Wohnungsbau suchen, sondern auch nach wassersparenden Systemen und nachhaltigen Energiequellen – alles, ohne die Kosten in die Höhe zu treiben. Und erstaunlicherweise sieht das Dorf aus 32 Modellhäusern, das nun im mexikanischen Bundesstaat Hidalgo entstanden ist, dann doch ein bisschen nach Wunschkonzert aus: ein Märchenwald, aber ein alltagstauglicher.

Das Ziegelhaus der mexikanischen Architektin Frida Escobedo etwa wölbt sein kugeliges Dach fast ulkig dem Himmel entgegen, andere Häuser sehen auf wie kleine Festungstürme oder extrem erschlankte Museumsbauten im Industriestil. Der gläserne Kubus mit hohem Satteldach des mexikanischen Studios Ambrosi Etchegaray wiederum wird von seiner Backsteinmauer umschlungen wie ein wärmender Mantel – von der feingliedrigen Schönheit der Glasfassade im Inneren ahnt also nur, wer von den künftigen Bewohnern in ihr Heim eingeladen wurde. Genau so wollen wir leben.

stilwerk_living_intensified_gut_gebaut_half_page_1
stilwerk_living_intensified_gut_gebaut_half_page_4

Interview Héctor Esrawe

Auch der Mexikaner Héctor Esrawe ist Teil des Projekts: Mit seinem Designstudio Esrawe entwarf er zwei Interieur-Kollektionen. Wie man das Funktionale stilvoll verpacken kann, erzählt er im stilwerk-Interview.

Herr Esrawe, was war die Kernidee dieses besonderen Projekts?
Wir wollten zeigen, dass sich Häuser entwerfen lassen, die mehr Möglichkeiten bieten, eine bessere Ausstrahlung und höhere Raumqualitäten haben – und das alles ohne finanziellen Mehraufwand. Das galt natürlich auch für die Möbel. Es ging uns weniger darum, eine neue Designsprache zu entwickeln, sondern der Realität ehrlich gegenüberzutreten und ihr mit unseren Entwürfen gerecht zu werden.

Es muss spannend gewesen sein, für ein so ganz anderes Klientel zu entwerfen, als Sie es als Stardesigner normalerweise gewohnt sind.
Natürlich war das spannend. Aber viele meiner Projekte haben eine soziale Komponente. Ich arbeite eng mit lokalen Künstlern zusammen, entwerfe öffentliche Räumlichkeiten für Studierende oder künstlerische Interventionen mit politischer Aussage. Das ist für mich aber kein Pflichtprogramm, mit dem ich in gewisser Weise meine luxuriöseren Projekte entschuldige. Ich habe Design nie als etwas gesehen, das Schwarz oder Weiß ist. Mich haben immer die Graustufen interessiert. Ich arbeite an jedem Projekt mit dem gleichen Enthusiasmus.

Nur die Budgets dürften sich massiv unterscheiden.
Einschränkungen sind immer eine Herausforderung. Und Herausforderungen erhöhen die Kreativität. Und das hörte in diesem Fall ja nicht bei der Überlegung auf, wie wir jetzt dieses eine Möbelstück für dieses eine Haus günstig produzieren können. Es ging zudem um die Frage, wie sich unsere Entwürfe möglichst günstig vervielfachen lassen, wie sie an möglichst vielen Orten irgendwo in Mexiko reproduziert werden können. Wir mussten also nicht nur in Qualität, sondern auch in Quantität denken. Aus dem Projekt ist also ein richtiges Lehrstück zum Thema Recherche geworden.

 

Inwiefern?
Generell hat uns an dem Projekt besonders begeistert, dass es wie ein Versuchslabor funktioniert hat. Allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern wurde ausreichend Zeit eingeräumt, wirkliche Recherche zu betreiben. Der Frage nachzugehen, wie qualitative, charismatische Räume aussehen müssen, um möglichst vielen Menschen und ihren Bedürfnissen gerecht zu werden. Auch unsere Designerinnen und Designer haben wahnsinnig viel recherchiert. Sie haben die verschiedenen Architekturlösungen des Projekts regelrecht analysiert und nach Gemeinsamkeiten darin gesucht. Schließlich mussten wir Möbel finden, die, wenn auch in unterschiedlichen Arrangements, in jedes der Häuser passten. Entstanden sind zwei Kollektionen. Die eine basiert auf Grundformen aus massiven Hölzern und natürlichen Stoffen – sie hat eine eher robuste Ausstrahlung und ist der brasilianischen Moderne und klassischer mexikanischer Einrichtung entlehnt. Die andere basiert auf elektrolackierten Metallrohrstrukturen und Sperrholzoberflächen; ihre einfachen Linien erinnern an skandinavisches Design und Bauhaus.

Sind das ohnehin Stile, die Ihre Arbeit prägen?
Mir gefällt die Idee eines minimalen Ausdrucks, aber einer maximalen Effizienz. Speziell in diesem, aber auch in anderen Projekten haben wir uns viel mehr auf Dinge wie Konstruktion und Material konzentriert, statt irgendwelche Einflüsse runterzubeten. Aber natürlich sind das Credos, die sich in bestimmten Stilen wie eben dem Bauhaus oder dem Skandinavischen Design von Haus aus finden.

Geht es auch darum, dass sich in den zurückhaltenden Formen sehr viele unterschiedliche Menschen wiederfinden?
Natürlich richtet sich unser Design in diesem Projekt nach den Bedürfnissen möglichst vieler unterschiedlicher Bewohner. Aber nochmal: Dabei geht es weniger um ästhetische denn praktische Bedürfnisse. Das sind Menschen, die relativ wenig Platz und auch wenig Geld zur Verfügung haben. Trotzdem mussten die einzelnen Teile natürlich auch schön sein. Man muss mit ihnen leben können. Und leben wollen.

 

stilwerk_picture_hector_esrawe

Dies ist ein Ausschnitt aus einem Beitrag aus dem stilwerk Magazin „Inspiring Spaces“  verfasst von Manuel Almeida Vergara. Die aktuelle Ausgabe erhalten Sie an den stilwerk Standorten Berlin, Düsseldorf und Hamburg sowie im ausgewählten Zeitschriftenhandel.

Schön, dass Sie da sind!

stilwerk schenkt Ihnen das neue stilwerk Magazin „Living intensified“. Sie müssen sich dafür nur zum stilwerk Newsletter anmelden und wir schicken Ihnen Ihr persönliches Exemplar direkt nach Hause.*

So erfahren Sie zukünftig alles exklusiv und aus erster Hand: Trends, Ausstellungen, Verlosungen oder Events – in Berlin, Düsseldorf und Hamburg lässt sich immer etwas Neues entdecken. Für stilwerk ist Design alles. Jeden Tag. Rund um die Uhr.

*Die Teilnahmebedingungen zu der Aktion finden Sie hier.

Jetzt noch ein paar Details…

Zurück

Willkommen im stilwerk!

Nur noch ein Klick, dann sind Sie dabei.
In Kürze erhalten Sie eine personalisierte E-Mail mit einem Bestätigungslink und der Möglichkeit, Ihre Daten zu vervollständigen.
Wir freuen uns.

Fehler