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Ich bin in der Mode

(K)ein Nachruf auf Karl Lagerfeld. Verfasst von Nils Jockel, Mitglied der Jury der Raymond Loewy Foundation, die Karl Lagerfeld 1993 den Lucky Strike Designer Award verlieh.

Nur was er gerade mache und was er machen werde, interessiere ihn. Alles, was er gemacht habe, sei ihm Wurst. Es sei doch total gleichgültig. Äußerungen wie diese dokumentieren, was Karl Lagerfeld von Rückschauen hielt – ob in Form der Hommage, der Memoiren, der Retrospektive oder zuletzt: des Nachrufes. Lieber würde er sterben wollen, als beerdigt zu werden, hatte er einmal, gewohnt pointiert, gesagt – und hätte sich gleiches für die Nachrufe wünschen können, die nun in Kaskaden seine Unsterblichkeit beschwören. Lieber sterben, als sie ertragen zu müssen?

Es fängt mit mir an und es hört mit mir wieder auf.

Karl Lagerfelds Lebensdevise, die manche als Beleg seiner Exzentrik werten, dürfte unvoreingenommenen Zeitgenossen gar nicht einmal fremd, vielleicht sogar als eigene Erkenntnis vertraut sein, ist sie doch nichts anderes, als die unsentimentale Einsicht in die Subjektivität unseres Daseins.

Es gebe keinen Kredit auf die Vergangenheit, befand Karl Lagerfeld. Im Grunde sei alles in der Mode einem Wechsel und einem Zeitgeist unterworfen. Man müsse ständig zerstören, um sich zu erneuern, müsse das lieben, was man gehasst habe und das hassen, was man geliebt habe. Mode sei oberflächlich. Das müsse akzeptieren, wer Mode zu seinem Beruf machen wolle. Und da Karl Lagerfeld sein Leben als 100 Prozent Beruf betrachtete, ist es auch nicht verwunderlich, dass er, der von Kindesbeinen erlebt hat, welchen immensen Einfluss die Mode auf unser Leben hat, seine An- und Einsichten, die er in zahllosen Talkshows und Interviews einem begierigen Publikum zum Besten gab, vornehmlich aus den ungeschriebenen Gesetzen der Mode ableitete.

Trotz seiner nüchternen Sicht auf die Oberflächlichkeit und Vergänglichkeit der Mode, hat Karl Lagerfeld mit seinen Entwürfen und Trends die Welt ein halbes Jahrhundert lang in Atem gehalten. Und obwohl er sich selbst, nicht ohne Koketterie, gern als stinknormal und langweilig bezeichnete und sich in einer gekonnt arrangierten Rüstung aus Sprüchen, Stehkragen, Zopf und Sonnenbrille bis zur Selbst-Karikatur als Rolle spielte, empfinden viele Lagerfelds Tod trotz seines so langen Lebens und Schaffens als Schock und unersetzbaren Verlust. Es gehört zu den vielen Geheimnissen seines Erfolges, dass er, der die Jugend als die einzige soziale Ungerechtigkeit sah, auch noch im hohen Alter bei den Jungen alterslosen Kultstatus genossen hat.

Deshalb ist die Raymond Loewy Foundation, die sich heute mehr denn je auf die Förderung der ‚Junior Designer‘ konzentriert, stolz darauf, Karl Lagerfeld 1993 im Berliner Schloss Charlottenburg  mit dem Lucky Strike Designer Award für sein Lebenswerk ausgezeichnet zu haben. Wie hätte die Jury ahnen können, dass sein Lebenswerk damals keineswegs gerade dem Höhepunkt zustrebte, sondern dass vielmehr gerade dessen zweite Halbzeit begann?  Und es ließ sich auch noch nicht absehen, wohin Lagerfelds Maßgabe der immer währenden Neuerfindung ihn noch führen würde: zu ungeahnten Höhen als Fotograf, zu seinem eigenen Label für erschwingliche Designermode, zu einer Kooperation mit dem Fast-Fashion-Konzern H&M, Entwürfen für Quelle, für den Spielzeughersteller Steiff und für Steinway – und das alles neben der sich unablässig fortschreibenden Erfolgsgeschichte, die Lagerfeld dem Hause Chanel mit seinen immer aufwendigeren Inszenierungen bescherte.

Wer als Nachwuchsdesigner*in von Karl Lagerfelds Erfolg lernen will, sollte, um nicht entmutigt zu werden, ausblenden, was der lucky guy aus der Glücksklee-Familie als „Schwein gehabt“ bezeichnet. Auch sich zu fragen, ob die von Lagerfeld so meisterlich beherrschten Absetzungs- und Alleinstellungsstrategien vor der Kamera und neben der eigentlichen gestalterischen Arbeit wesentlich zum eigenen Profil beitragen, wird nicht weit führen. Abgrenzungs- und Anpassungskräfte, die Glamour, Skandale und Chi-chi bedienen, machen nun einmal die Mechaniken aus, die alle Modeentwicklung antreibt und die alle Modedesigner*innen mehr oder weniger beherrschen.

Was aber wohl den so vielseitigen Designer, Fotografen, Kostümbildner, Grafiker und Lebenskünstler Karl Lagerfeld getrieben und inspiriert hat, ist, dass er modische Gestaltung trotz und wegen ihrer Flüchtigkeit und Oberflächlichkeit so ernst genommen hat, dass er sie kompromisslos zu seiner Obsession gemacht und seinen Beruf zu 100 Prozent gelebt hat, ohne darüber zu lamentieren, wie anstrengend das sei oder welche Bezeichnung und welches Selbstverständnis seinen Beruf am besten träfe. Den Begriff des Modeschöpfers schätzte er nicht, weil der so nach Erschöpfung klänge. Und die war ihm fremd.

Man müsse sich für alles interessieren, dürfe nie nur in eine Richtung gehen, müsse sich alle Türen offen halten, war Lagerfelds Überzeugung. Sie hat ihn zu einem Meister der Umgestaltung, des Formwandels und der ebenso unbekümmerten wie kalkulierten Aufnahme von Elementen der Popkultur gemacht. Ohne jede Angst, seine Linie zu verlieren, blieb Lagerfeld zu allen Zeiten durchlässig und bereit zur stilsicheren Aufnahme neuer Ein- und Ausdrücke. Weil er sich der Widersprüche und Brüche bewusst war, die er mit der immer währenden Neuerfindung einging, hatte er die Souveränität, lässig einzuräumen, dass er sich manchmal selber frage, was er gerade sage. Es sei eben nur gültig, wenn er es gerade sage.

Seine Selbstironie war Teil der Rüstung, in der Karl Lagerfeld mit seinen Widersprüchen, seinen Schwächen und Anfeindungen geschützt leben und sich, wie er sagte, als ein freier Beruf und ein freier Mensch fühlen konnte. Diese Rüstung war zugleich Korsett, in dem er in seiner viel bewunderten Schaffenskraft, die er mal mit Disziplin, mal mit Obsession erklärte, unablässig produzierte.

Es sind zwei ebenso einfache wie allgemein gültige Eigenschaften, über die Karl Lagerfeld reichlich verfügte, an denen es sich für Nachwuchsdesigner*innen zu orientieren lohnt: Selbstsicherheit, die sich auch aus der Distanzfähigkeit zu sich selbst speist und Entscheidungsfreude, die sich auf die mit größter Beherrschung perfektionierten, gestalterischen Fähigkeiten verlassen kann.

Vielleicht ist diese Erkenntnis hilfreicher, als jeder unerbetene Nachruf auf ein Leben, für dessen Ende Karl Lagerfeld sich wünschte:

Einfach verschwinden. Von dem Traum aufwachen, der das Leben ist.

Foto im Titel © Stéphane Feugère 2018
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