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Johann König: Hier wird groß gedacht

Auf die Idee, in einer leerstehenden Kreuzberger Kirche eine Galerie zu eröffnen, muss man auch erstmal kommen. Besuch bei einem der wichtigsten Händler für Gegenwartskunst in Deutschland.

Die Alexandrinenstraße zählte bis vor kurzem nicht gerade zu den Sehenswürdigkeiten Berlins. Zwar mitten im angesagten Kreuzberg gelegen, zwischen Landwehrkanal und Oranienstraße, ist hier dennoch von hipper Partymeile herzlich wenig zu spüren. Lediglich für hartgesottene Architekturfans mit Faible für Westberliner Plattenbau der Sechziger hatte das Quartier einen verwegenen Reiz. Fünfgeschossige Wohnsilos in klassischem Asbest-Look, Müllcontainer, Hundewiese und die Kiezkneipe „Zum Flachbau“, mit Stoßzeit ab 10 Uhr morgens. Doch dann ist da diese Kirche, mittendrin. Eigentlich unglaublich. Und das dachte sich auch Johann König.

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Denn hinter dem geschmeidigen Namen „St. Agnes“ verbirgt sich ein architektonisches Juwel. Ein wenig ungeschliffen – Beton, kantig, grau. Reinster Brutalismus eben. Baujahr 1964-7, nach Entwürfen Werner Düttmanns, deswegen auch unter Denkmalschutz. Mit einem eckigen Glockenturm, der gar an den markanten Schornstein der „Tate Modern“ erinnert, dem ehemaligen E-Werk an der Themse. Nichts also scheint naheliegender, als hier, in einer leerstehenden Kirche in Kreuzberg, eine 800 Quadratmeter große Galerie zu eröffnen. Oder? Es braucht schon eine gehörige Prise Chuzpe und Vision, um ein derartiges Projekt zu stemmen. Johann König kam, sah und „koofte“, wie der Berliner sagt. Das war 2012, und König gerade einmal 31 Jahre alt. Nach aufwendiger Renovierung eröffnete die gleichnamige Galerie dann zum Berliner „Gallery Weekend“ Anfang Mai 2015. Seitdem pilgern ganze Hundertschaften Kunstvolk durch die Siedlung – und so mancher Anwohner reibt sich die Augen.

Sind das nur die Vorboten einer neuen Gentrifizierungswelle? Schon ist von einem „Bilbao-Effekt“ die Rede, hier inmitten der „Platte“. Zur Erinnerung: Im Baskenland hatte einst Frank O. Gehry ein neues Guggenheim Museum errichtet, was der maroden Industriestadt einen beispiellosen Boom bescheren sollte. 

Gehry celebrated Bilbao’s industrial past by using titanium in architecture for the first time #heritageMW #MGBxx

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Ganz so spektakulär geht es im beschaulichen Kreuzberg dann doch nicht zu. Obwohl das gewaltige Hauptschiff von „St. Agnes“, jetzt zum Ausstellungsraum zweckentfremdet, schon den Atem stocken lässt. Zum Auftakt durfte sich die deutsche Künstlerin Katharina Grosse denn auch mal so richtig austoben und schuf neue Bilder: je acht Meter lang und vier Meter hoch. Im neuen Hause König wird eben gern groß gedacht. 

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Dabei gibt sich der sympathische Galerist bescheiden und nahbar. Das Kunst-Herz schlägt am rechten Fleck. Von Hause aus, sozusagen. Vater Kasper König war über Jahrzehnte Museumsdirektor und gilt als Lichtgestalt im internationalen Kunstbetrieb, der Onkel ist der wichtigste Verleger in der Kunstbuch-Branche und Bruder Leo hat eine Galerie in New York.

Ich wollte immer nur mit Künstlern zusammenarbeiten. Das war mein großer Traum,

erzählt König beim Spaziergang durch den Kiez. Eine Berufung, die erhört wurde, repräsentiert König heute insgesamt 30 international bekannte Maler, Fotografen und Video-Künstler. Zu seinen Stars zählen Camille Henrot, Helen Marten oder die in Berlin lebende Foto-Künstlerin Annette Kelm, eine der wichtigsten Positionen überhaupt in der jüngeren Fotoszene. 

Seine erste kleine Galerie eröffnete der junge König bereits 2002; sechs Jahre später erfolgte der Umzug in eine ehemalige Fabrik unweit des Potsdamer Platzes. Schon hier, an der Dessauer Straße, bespielte er einen weitläufigen Raum – doch eine ausgewachsene Kirche stellt natürlich alles in den Schatten. Von Anfang an war das Projekt komplex, auch wegen der Denkmalschützer. „Da verliert man schon mal den Überblick“, gesteht der Wahl-Berliner, der mit einem kleinen Stab von zehn festen  Mitarbeitern auskommt. Und ganz billig war das Ganze auch nicht. Von „mehreren Millionen ...“ murmelt König, will sich aber nicht festlegen lassen. Inzwischen sind auch die angrenzenden Gebäudeteile des Geländes, für das Arno Brandlhuber das Nutzungskonzept entwickelte, vermietet: Das Szene-Magazin „O32c“ wird hier verlegt, die New York University unterhält Atelierräume, in einem kleinen Restaurant gibt es Quiche Lorraine für die ansässige Hipster-Kolonie. Und in der ehemaligen Pfarrerswohnung lebt König selbst, mit Kind und Kegel.

Für den umtriebigen Spross der königschen Kunst-Dynastie kommen neben dem regulären Ausstellungsbetrieb vor Ort natürlich noch die wichtigen Kunstmessen hinzu. Basel, Miami, die „Frieze“ in London und New York – überall macht der Galerist mit, denn wie seine Kollegen weiß auch er, dass dort der Zugang zu den einflussreichen internationalen Sammlern besteht. Gerade für Galerien aus Berlin, wo eine wohlhabende Klientel noch dünn gesät ist, wird das Tingeln über die Messen zur existentiellen Notwendigkeit. Doch Königs Kreuzberger Konzept scheint aufzugehen, beeindruckt auch die Großen aus der Kunstwelt. Der Coup hat sich herumgesprochen.

Ich glaube fest daran, dass ein derart besonderer Ort einmal mehr dazu beitragen kann, nach Berlin zu kommen. Und anregt zu kaufen,

erläutert der Kunsthändler und verweist stolz auf eine deutsche Sammlerin, die sich gerade für eine Installation Camille Henrots entschieden hat – vom Umfang eines kleinen Einfamilienhauses versteht sich.

Auch meine Künstler stellt es natürlich vor ganz neue Herausforderungen, in einem Kirchenschiff ausstellen zu müssen.

Johann König hat mit „St. Agnes“ die Latte hoch gelegt für seine Konkurrenten: ein Meilenstein, ein „Game Changer“ für die Kunstszene Berlins.

Dieser Text ist Teil eines Beitrags aus dem stilwerk Magazin „NEUES", geschrieben von Christian Schaernack für stilwerk. Die aktuelle Ausgabe des stilwerk Magazins „anders“ gibt es zum Mitnehmen in den stilwerk Häusern Berlin, Düsseldorf und Hamburg und im ausgewählten Zeitschriftenhandel.

In der Serie Recycled Architecture widmet sich stilwerk architektonischen Fossilien, die dank großer Visionen wieder zum Leben erwachen und als einzigartige Juwelen ganze Startviertel prägen – fantasievoll, elegant und inspirierend.

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