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Kein nettes Hobby für nette Mädchen.

Die Geschichte des bauhaus ist eine Geschichte der Männer. Sie hatten an der legendären Kunstschule nicht nur das Sagen, sondern drängten die Studentinnen systematisch ins Abseits. Höchste Zeit also, Geschichte anders zu erzählen — und zu zeigen, dass die bauhaus Frauen alles andere als Randfiguren waren.

Alle Zeichen stehen auf Rot. Und auf Blau. Und Gelb. Den bauhaus Farben eben. Schon vor dem 100. Gründungsjubiläum der legendären Kunstschule in 2019 überschlagen sich Firmen mit Sonder-kollektionen zum Thema, üben sich Marken im radikal nüchternen Stil, laden Museen und Kunsthäuser zu Schauen rund um das Erbe des Bauhauses ein. Das Unternehmen Rasch zum Beispiel – durch die Entwicklung der ersten Bauhaus-Tapeten in den 1930er-Jahren ohnehin eng mit der  Kunstschule verbunden – bringt einmal mehr eine von feinen Strukturen und klaren Farben bestimmte Bauhaus-Kollektion heraus. Die britische Modemarke Paul Smith wiederum lässt sich für Pullover und Schals von Anni Albers inspirieren. Allein für sie, die Bauhaus-Studentin, die virtuose Handwerkerin und vielschichtige Künstlerin, wurde auch die Retrospektive „Anni Albers“ erarbeitet, die noch bis zum 27. Januar 2019 in der Londoner Tate Modern läuft, nachdem sie in der Kunstsammlung NRW zu sehen war. „Die Idee zu der Ausstellung lag zwischen beiden Häusern in der Luft“, sagt die Düsseldorfer Kuratorin Maria Müller-Schareck. Nicht wegen des anstehenden bauhaus Geburtstages allerdings, „sondern weil wir in den letzten Jahren einen Fokus auf vergessene Künstlerinnen gelegt haben“.

Sie alle eint eine Suche nach dem Zeitlosen, dem Zeitüberdauernden. Und der absolute Wille, etwas zu gestalten, in die Welt zu bringen, was nicht schreiend ist, was nicht Aufmerksamkeit heischt, sondern eine stille Kraft entwickelt.

Vergessen, übersehen, unterschätzt – lange Zeit passte das zu Anni Albers und ihren prägnant gemusterten Geweben. Genauso passte das zu Marguerite Friedlaender und ihren schlichten Teeservice und zu Gunta Stölz und ihren abstrakten Wandteppichen. Es passte zu der Spielzeugdesignerin Alma Siedhoff-Buscher, der Fotografin Gertrud Arndt, der Bildhauerin Ilse Fehling. Denn die nur 14 Jahre währende Geschichte der in Weimar gegründeten und in Dessau zu internationalem Ansehen gelangten Kunstschule ist nicht nur eine Geschichte des avantgardistischen Konzepts, der Vereinbarkeit von Kunst und Kunsthandwerk, der Freundschaft beider Gattungen. Die Geschichte des bauhaus ist auch eine Geschichte der Männer.

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Marianne Brandt & Kommilitoninnen

Zumindest waren sie selbst davon überzeugt, die Männer, die Lehrenden und Studenten um Schulgründer Walter Gropius. „In diesem Sinne war das bauhaus kein Vorbild“, sagt Uta Brandes. Die emeritierte Professorin lehrte „Gender und Design“ an der Köln International School of Design und setzt sich heute als Mitbegründerin des International Gender Design Networks für geschlechtersensible Gestaltung und eine gerechte Rollenverteilung in der Branche ein. Ihre Stimme wird ein bisschen spitz, als sie Gropius’ Programm zur Schulgründung 1919 verliest: „Als Lehrling aufgenommen wird jede unbescholtene Person, ohne Rücksicht auf Alter und Geschlecht, deren Begabung und Fortbildung vom Meisterrat als ausreichend erachtet wird.“ Überrascht und schockiert, vielleicht ein bisschen beleidigt sei der Architekt Walter Gropius dann gewesen, als sich viele Frauen auf die Studienplätze bewarben, schließlich im ersten Jahrgang sogar mehr Frauen als Männer studierten. Wenig später habe es dann geheißen, man brauche „eine scharfe Aussonderung gleich nach der Aufnahme, vor allem bei den Zahlen nach zu stark vertretenen weiblichen Geschlecht“, liest Brandes vor. „Und wenn die dann schon da waren, dann sollten sie wenigstens das machen, was Frauen sowieso schon konnten“, ergänzt sie in eigenen Worten. „Häkeln, stricken, sticken, hegen und pflegen.“

Es ist bekannt, dass den weiblichen Studentinnen am bauhaus früh nahegelegt wurde, sich den Weberei- und Keramik-Klassen zu widmen. Sie wären gedrängt worden, heißt es sogar. Noch galt die Annahme – selbst am progressiven bauhaus –, Frauen seien für zartere, einfachere Aufgaben besser geschaffen als für die Arbeit an Metall oder Staffelei. Umso bemerkenswerter, dass die Frauen in eben diesen Klassen dann Herausragendes leisteten. „Letztlich war es die Textilwerkstatt, die der Schule am meisten Geld eingespielt hat“, sagt Kuratorin Müller-Schareck. „In Dessau haben die Frauen immer mehr Kooperationen mit der Industrie angeschoben, haben Messen bestückt und für große Firmen Entwürfe gemacht.“ Sie haben erdacht und produziert – nicht nur dekorative Wandbehänge mit hübschen Mustern, sondern echte textile Innovationen. Anni Albers etwa hat für ihre Abschlussarbeit 1929/30 ein schallschluckendes Gewebe erfunden und wurde sodann Nachfolgerin von Gunta Stölz als Leiterin der Werkstatt. „Auch Anni Albers hat später in Interviews gesagt, dass sie in diese Richtung geschoben wurde“, sagt Müller-Schareck. „Aber es ist doch gerade beeindruckend zu sehen, was die Frauen dann aus ihrer Situation gemacht haben.“

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Anni Albers in der Weberei am Black Mountain College in North Carolina/USA (1937)

Bei Marianne Brandt war das anders. Sie hatte sich bis zu den harten Formen durchgekämpft. „Zuerst wurde ich nicht freudig aufgenommen. Eine Frau gehöre nicht in die Metallwerkstatt, war die Meinung“, schrieb sie später in ihrem „Brief an die junge Generation“. Doch mit verstellbaren Nachttischlampen, die unter dem Markennamen „Kandem“ vertrieben wurden, schuf sie schon 1926 eines der kommerziell erfolgreichsten Produkte der ganzen bauhaus Geschichte. Und trotzdem: Das Interesse an den bauhäuslerinnen und ihren mannigfaltigen Werken wurde erst zum Ende des 20. Jahrhunderts hin größer. Heute stehen sie mehr im Fokus denn je: Bis zum 24. Februar 2019 stellt die Kunsthalle Talstrasse in Halle an der Saale Arbeiten von Marguerite Friedlaender aus, darunter zeitloses Porzellan und Keramiken. Im März 2019 erscheint dann eine Neuauflage des Buches „Bauhaus-Frauen“ von Ulrike Müller im Suhrkamp Verlag, das den Meisterinnen in Bild und Text ein Denkmal setzt. Und die Anni-Albers-Ausstellung in der Tate Modern zeugt während der nächsten Wochen davon, dass die Künstlerinnen am bauhaus aller Widrigkeiten zum Trotz nicht nur Großes geleistet, sondern auch für die Kunst und das Leben gelernt haben. „Sie alle eint eine Suche nach dem Zeitlosen, dem Zeitüberdauernden“, sagt Kuratorin Maria Müller-Schareck. „Und der absolute Wille, etwas zu gestalten, in die Welt zu bringen, was nicht schreiend ist, was nicht Aufmerksamkeit heischt, sondern eine stille Kraft entwickelt.“

Höchste Zeit also, die bauhaus Geschichte anders zu erzählen, die Arbeiten der bauhaus Frauen, der Weberinnen und Keramikerinnen allen voran, anders zu betrachten. Als funktional, innovativ und wertvoll – und nur darüber hinaus als dekorativ, ästhetisch und wohlgefällig. Eben nicht bloß als nettes Hobby für nette Mädchen. „Die Weberei zum Beispiel ist ein hochkomplexes und herausforderndes Verfahren, das nichts zu tun hat mit den kleinen handwerklichen Näharbeiten, die Frauen im 19. Jahrhundert gemacht haben, weil sie nichts anderes machen durften“, sagt Uta Brandes. Sie holt nochmal ihre Zitatliste raus, diesmal wählt sie eines von Oskar Schlemmer, dem vielseitigen Künstler und Leiter der Wandbildmalerei-Werkstatt: „Wo Wonne ist, ist auch ein Weib, das webt, und sei es nur zum Zeitvertreib“, liest sie vor. Und ihre Stimme wird ein bisschen spitz dabei.

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Lucia Moholy

Dies ist ein Beitrag aus dem stilwerk Magazin „anders“, verfasst von Manuel Almeida Vergara. Ihre persönliche Ausgabe des aktuellen stilwerk Magazin finden Sie an den stilwerk Standorten Berlin, Düsseldorf und Hamburg sowie im guten Zeitschriftenhandel.

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