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Kolumne: Ever Never

Bazon Brock über Evergreens.

Wer würde nicht bis zur Tränenseligkeit entzückt jenen zur Volksweise ge-adelten Liedern immer wieder verfallen, die den schönen Titel „Schlager“ tragen? Erst recht denen der deutschen Wellen seit Beethoven über Wag-ner bis zur Neuen Deutschen Welle der 1980er? Wie philosophisch tiefsin-nig ist man da beschlagen, man weiß Bescheid, man gibt sich freimütig der Einsicht hin, dass alles Große einfach ist. Und einfältig. Man fühlt sich überwältigt, ja erschlagen vom Pathos der Normalität, von dem durch Kitsch offenbarten Glauben an eine bessere Welt, die tiefere Liebe, in vor-behaltloser Hingabe an das wohlige Gefühl, sich ganz und gar den Sehn-süchten öffnen zu können. Das ist die grandiose Leistung des Kitsches, für Intellektuelle von Susan Sontag camp genannt und von den Jungen vor 45 Jahren als Punk gefeiert.

Warum Kitsch des Ewigen, der Beständigkeit, der Kontinuität? Weil jeder-mann im Kitsch sofort versteht, was an allem Falschen tatsächlich wahr ist. Jede Jubiläumsfeier mutet uns doppelsinnig an: Einerseits kann nichts den Fortbestand garantieren, andererseits wollen wir mit allen Religionen Dau-er/Ewigkeit erzwingen. Die Gefühlswallungen von Hoheitssehnsucht zu Vergeblichkeitserfahrung versuchen wir in der kleinen Ewigkeit des Jubilä-ums zu bewältigen.

Wie nahe uns das geht, zeigen vor allem jene großen Feiern des Abschieds, die der Vermählung inzwischen zwangsläufig nachfolgen. Ja, man bindet sich nur noch unter der Bedingung, sich jederzeit trennen zu können. Aber nicht in seelischer Qual und ökonomischer Not, sondern in der Festigkeit

des Einverständnisses. Deswegen sind inzwischen unsere Dienste für die Inszenierung von Scheidungen häufiger und intensiver gefragt als die Ser-vice-Angebote für Hochzeiten. Die Läden für Hochzeitskleidung und die Einrichtungshäuser für Neufamilien erweitern ihr Angebot um Ritual-Gewandungen für Scheidungsenthusiasmus und die Erhebung der Schei-dung zur tiefsten Sozialerfahrung. Dafür braucht es wirklich angemessene Möblierung: Das ist wahres Stilwerk!

Allein in Berlin gibt es zahllose Künstler, die die Jubiläen ihres Scheiterns feiern und sich damit über die bloße Akzeptanz eines Schicksals erheben. Man erinnere sich an den „Club der polnischen Versager“ und die zahllosen Jubiläen von Todestagen. Logischerweise stehen sie trotz Weihnachten höher als die Feiern der Geburten, denn erst nach dem Ende, nicht am An-fang weiß man, was man unbedingt gesehen haben sollte, aber verpasste und nun im Nachhinein sich anzueignen vermag. Gegenwärtig feiern wir 250 Jahre Hegel und Hölderlin, 70 Jahre Bundesrepublik, 30 Jahre Mauer-fall, 100 Jahre Weimarer Verfassung, 100 Jahre Frauenwahlrecht, 25 Jahre Stilwerk. Es bestätigt sich also: Tatsächlich ist death so permanent, also wahrhaft nachhaltig, ein klassischer Evergreen. Was sagt er? Die Vergan-genheit ist das Einzige, das nicht vergeht. Ist das makaber, ist das Zu-kunftspessimismus? Ganz im Gegenteil. Wir müssen Vergangene werden, um zu bleiben und damit auch zukunftsfähig zu sein: never ever. Oder eben ever never. Nur Apokalyptiker sind zu wahrem Optimismus fähig, denn sie rechnen mit dem Schlimmsten, das aber nichts anderes ist als eine Wieder-kehr des ewig Vergangenen, also der Dauer. Die Angst vor dem ungewissen Ende wandelt sich in ersehnte Gewissheit. Evergreens werden Solant Greens in der Bestätigung, dass das von Jubiläen doch nicht aufhaltbare ewige Werden durch Vergehen die Ewigkeit erfüllt. Schöne Gewissheit: Wir bleiben uns unter allen Umständen erhalten – gerade als Vergangene. Bei-spiel sind im Stilwerk jene Artefakte, die in Form und Machart deutlich zu verstehen geben, dass sie aus den 50ern, aus den 60ern oder 70ern oder aus den 20ern und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts stammen und als his-torisch Gewordene Dauer repräsentieren.

Über Bazon Brock
Bazon Brock bezeichnet sich gern als Denker im Dienst und Künstler ohne Werk. Er ist emeritierter Professor am Lehrstuhl für Ästhetik und Kulturvermittlung an der Bergischen Universität Wuppertal, darunter das Institut für Gerüchteverbreitung und eines für theoretische Kunst, das Labor für Universalpoesie und Prognostik, das Büro für Evidenzkritik, das Pathosinstitut Anderer Zustand und die Prophetenschule. Seit 2011 betreibt er die Denkerei / Amt für Arbeit an unlösbaren Problemen und Maßnahmen der hohen Hand mit Sitz in Berlin.

Dies ist ein Beitrag aus dem stilwerk Magazin „ever green“. Ihr persönliches Exemplar der aktuellen Ausgabe gibt es zum Mitnehmen in den stilwerk Häusern sowie im ausgewählten Zeitschriftenhandel.

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