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Kolumne: Über Orts-Veränderungen

Bazon Brock über das Gespür für den besonderen Ort und wann diese Wirklichkeit werden.

Seit Mitte des 18. Jahrhunderts ist die Orientierung des bildungswilligen Europäers auf den Instinkt für den genius loci (Gespür für den besonderen Ort) verpflichtend. Junge Adlige, Dichter und Maler, Heilsucher und Heilungsucher reisten durch den Kontinent, weil sie sich dem günstigsten Einfluss des Klimas, der „Gesteinsmacht“, der Strahlkraft von Licht und Landschaft und der authentischen Auftrittsorte „großer Geister“ aussetzen wollten. Und der günstigste erwartbare Effekt war, vom Geist des Ortes ergriffen und verändert zu werden. Heute nennt man das „Eintauchen in ein überwältigendes Erlebnis“ am fernen Sehnsuchtsort, dessen Magie man in Trink- und Massagekuren, erdmagnetischen Wanderungen, Badekulten, Atemübungen und Souvernir-Kauf habhaft werden könne.

Mit dem Begriff „Exotik“ kennzeichnet der von Thomas Cook begründete Massentourismus die Erwartung von Wirkung des genius loci. Der Glaube an die Kraft der Ferne, den Tapetenwechsel, die magische Verwandlung am speziellen Ort ließ sich durch keinerlei kabarettistische Entzauberung, genannt Aufklärung, stören; selbst Kinderspott der Art „An diesem Ort herrscht ein besonderer Geist, der Nutzer in die Nacktheit beißt“ konnte durch die Gleichsetzung vom besonderem Ort als Lokus/Klosett und locus des Genies, des Geistes, der Spiritualität kaum beeinträchtigt werden.

Im Gegenteil, die Geschichten über spukende Geister in Schlössern und Ruinen beflügelten die Erlebniserwartung. Gegenwärtig unterstützt man den Glauben an die Kraft des besonderen Ortes mit modernster Technologie. Selbst Einrichtungshäuser lassen das günstigste Feng Shui, die Raumharmonie, errechnen. Auspendler, Rutengänger, magnetismus-sensible Naturheilkundige beeinflussen die Einrichtung selbst von Sozialräumen in naturwissenschaftlichen Institutionen und Krankenhäusern der westlichen Medizinversorgung.

Glaube und Wissen sind keine Gegensätze mehr, denn schließlich hat selbst Erwin Schrödinger, das Mathematikgenie des 20. Jahrhunderts, bekundet, Magie, also Placebos, wirke auch dann, wenn man nicht an sie glaubt. Ich nenne das die normative, also handlungsbestimmende Kraft des Kontrafaktischen, also des nicht objektiv Gegebenen oder Nachweisbaren. Kontrafakte sind eben Placebos. Zu ihnen gehört die Orientierung auf Gott oder Götter, auf kulturelle Identität, auf Rasse oder Blutreinheit, auf den Weltgeist oder Geist der Zeit. Offenbar gibt es sogar einen besonderen Ort, der für alle Menschen aller Zeiten gleich war und gleich ist und gleich bleibt. Dieser besondere Ort ist die Heimat. Man kann aus ihrem geografischen Ort vertrieben werden, er kann zerstört werden – an der Wirksamkeit der Macht der Heimat ändert das nichts, im Gegenteil. Dass Kontrafaktizität für alle Menschen das bedeutendstes Faktum ist, erkennt man durch den einfachen Hinweis, dass es Landschaften nicht gibt wie es Berge, Bäume, Büsche gibt, dass es Kunstwerke nicht gibt, wie es mit Farben versehene Leinwände oder bearbeitetes Holz, Metall oder Marmor „wirklich“ gibt. Denn was immer Menschen für wirklich halten, wird wirklich durch die Konsequenzen des Dafürhaltens. Das haben die angeblich der Rationalität verpflichteten Europäer vergessen und wundern sich über Gottsucherbanden wie Al-Qaida oder ISIS, über Lourdes-Pilger und evangelikale Massensuggestion, über Werbewirkung dümmster Sprüche oder Zukunftsversprechen geltungsgeiler Pseudo-Wissenschaftler, über Horoskope in der Tagespresse und Parteiversprechen. So geht der Kampf um die Heimaten, die Bewertung der Rasse, die Geburtsorte der Heiligen, der Führer und Genies munter weiter. Die Eroberung und Sicherung von heiligen Stätten, Historienfetischismus und Produktwerbung sind durch keinen Einspruch abzuwenden, höchstens abzuschwächen. Jeder Ort ist der besondere Ort, an dem sich das sozialpsychologische Grundgesetz als Thomas-Theorem beweist: „If men define situations as real, they are real in their consequences.“

Über Bazon Brock
Bazon Brock bezeichnet sich gern als Denker im Dienst und Künstler ohne Werk. Er ist emeritierter Professor am Lehrstuhl für Ästhetik und Kulturvermittlung an der Bergischen Universität Wuppertal, darunter das Institut für Gerüchteverbreitung und eines für theoretische Kunst, das Labor für Universalpoesie und Prognostik, das Büro für Evidenzkritik, das Pathosinstitut Anderer Zustand und die Prophetenschule. Seit 2011 betreibt er die Denkerei / Amt für Arbeit an unlösbaren Problemen und Maßnahmen der hohen Hand mit Sitz in Berlin.

Dies ist ein Beitrag aus dem stilwerk Magazin „Inspiring Spaces“. Ihr persönliches Exemplar der aktuellen Ausgabe gibt es zum Mitnehmen in den stilwerk Häusern Berlin, Düsseldorf und Hamburg sowie im ausgewählten Zeitschriftenhandel.

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