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Ocean Cleanup Project

Dass ein 18-Jähriger vom Aufräumen träumt, scheint erstmal verwunderlich. Wenn man dann noch erfährt, dass er plant, ganze Ozeane von Plastik zu säubern, halten die meisten diese Idee für irrwitzig. Und dennoch – allen Zweiflern zum Trotz – ist das Projekt „The Ocean Cleanup“ von Boyan Slat auf dem besten Wege Wirklichkeit zu werden. Das erklärte Ziel: In nur fünf Jahren soll der Pazifische Ozean von der Hälfte des Kunststoffmülls befreit werden.

Mehr Plastik als Fische sah der niederländische Teenager Boyan Slat beim Tauchurlaub in  Griechenland. Das war für ihn der Auslöser, sich mit dem Thema Meeresverschmutzung intensiver auseinanderzusetzen. Was ihn dabei am meisten verwunderte, war die weitverbreitete Resignation angesichts dieser Mammutaufgabe – denn jährlich gelangen mehrere Millionen Tonnen Plastik in die Ozeane. Lasst es uns doch einfach aufräumen, dachte er sich in jugendlicher Naivität. Allerdings wurde ihm schnell klar, dass konventionelle Methoden, um die Meere mit Netzen und Schiffen von Kunststoffen zu befreien, tausende Jahre dauern, zehntausende Milliarden Dollar kosten und zudem riesige Mengen an Emissionen verursachen würden.

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Boyan Slat.

Große Probleme brauchen großartige Lösungen.

Der junge Erfindergeist ließ sich nicht entmutigen und entwickelte die Idee, das herumtreibende Plastik über ein passives Sammelsystem einzufangen, das die Kraft der Meeresströmungen für sich arbeiten lässt. 2012 präsentierte der frisch gebackene Abiturient der Welt seine Vision bei einer TEDx Konferenz – und stieß auf wenig Resonanz. Abermals trotzte Slat den Umständen und gründete mit nur 300 Euro Startkapital die gemeinnützige Organisation „The Ocean Cleanup“ – ganz nach dem Motto „Große Probleme brauchen großartige Lösungen“. Im März 2013 geschah der Durchbruch: Das TEDx Video wurde von mehreren Medien aufgegriffen und die Idee verbreitete sich wie ein virales Lauffeuer. Binnen weniger Tage konnte Slat mit Hilfe von Crowdfunding Spenden in Höhe von 90.000 Dollar einsammeln und ein Team aus Ingenieuren und Wissenschaftlern bilden. Das Ocean Cleanup Projekt war geboren. Angesichts der Problematik höchste Zeit, denn Plastikmüll in den Weltmeeren bedroht nicht nur über 600 maritime Arten, sondern hat, wenn er in Form von Mikro-Plastikpartikeln in die Nahrungskette gelangt, auch gesundheitsschädliche Auswirkungen für uns Menschen. Von den wirtschaftlichen Folgen für Tourismus, Fischerei und Gewerbe ganz zu schweigen. Laut Berechnungen der Vereinten Nationen belaufen sich die ökonomischen Kosten der Meeresverschmutzung auf 13 Milliarden Dollar jährlich.

Die Logik der Meere nutzen

Der Lösungsansatz von „The Ocean Cleanup“ ist verlockend simpel und genial zugleich – denn er beruht auf der Logik der Meere. Fünf Hauptströmungen fangen weltweit das herumtreibende Plastik ein und konzentrieren es in so genannten „garbage patches“ (Müllstrudel), wo es laut Slat nur noch eingesammelt werden muss. Dafür hat das Ocean Cleanup Team eine flexible, U-förmige Röhre mit einer Unterwasserblende entwickelt, die genau wie der Müll mit der Strömung treibt. Durch einen 600 Meter tiefer schwimmenden Anker kann die Strömungsgeschwindigkeit des Systems so weit verlangsamt werden, dass sich das schneller fließende Plastik verfängt. Sobald sich genug Kunststoffmüll angesammelt hat, wird dieser mit Hilfe von Pumpen und Transportbändern auf ein Schiff verfrachtet und an Land gebracht. Dort soll der Plastikmüll recycelt und als Material für Sonnenbrillen, Handyhüllen & Co genutzt werden. Durch den Verkauf dieser Produkte will das Ocean Cleanup Projekt auch finanziell nachhaltig werden. Das Besondere an dieser Technologie: Sie funktioniert autonom, energieneutral und ist laut Gründer Slat skalierbar. So sollen Algorithmen dem Ocean Cleanup Team helfen, die optimalen Einsatzorte für die Sammelsysteme zu finden. Danach treiben diese autonom mit den Meeresströmungen. Zusätzlich können durch Echtzeit-Telemetrie Zustand, Kapazität und Route der Systeme überwacht werden. Auch was den Energieverbrauch angeht, ist das Projekt auf Nachhaltigkeit ausgelegt. Da die Sammelsysteme passiv im Meer treiben, soll keine externe Energiequelle notwendig sein, um den Müll einzufangen. Alle sonstigen elektronischen Gerätschaften, die eingesetzt werden, sind solarbetrieben.

Der große Cleanup-Plan – nur ein naiver Traum?

Der große Plan von Slat und seinem mittlerweile 65-köpfigen Team sieht einen stufenweisen, globalen Scale-Up vor. So sollen nach und nach immer mehr dieser treibenden Sammelsysteme an neuralgischen Punkten der Weltmeere verteilt werden, um Plastik zu fischen. Doch ist das realistisch oder nur ein naiver Wunschtraum? Seine Feuertaufe hatte das hoch ambitionierte Projekt Ende Juni 2016, als ein Prototyp, bestehend aus einer 100 Meter langen Luftkissen-Kette, 23 Kilometer vor der niederländischen Küste in der Nordsee platziert wurde. Doch der Widerstandstest verlief weniger erfolgreich als erhofft. Nach nur zwei Monaten auf See musste alles wieder an Land geholt werden. Der Grund: Die Wellen der Nordsee waren zu rau, die Konstruktion zu schwach. Die äußeren beiden Teile des gebogenen Schwimmarms hatten sich verdreht, obwohl er mit zwei großen Bojen mit je drei Ankern befestigt war. Aufnahmen der Unterwasserkameras zeigten, dass das Verbindungsglied zwischen Barriere und Befestigung versagt hatte.

Der schwierige Nordsee-Testlauf rief auch wieder kritische Stimmen auf den Plan. Stiv Wilson von der Organisation 5gyres, die sich ebenfalls der Bekämpfung von Plastikmüll in den Meeresstrudeln verschrieben hat, bezweifelte bereits 2014 gegenüber der Süddeutschen Zeitung die Stabilität von Slats geplanter Anlage. Sie könne sich zu leicht aus der Verankerung reißen. Zudem unterschätze das Ocean Cleanup-Team Seegang, Stürme und Meeresströmungen. Als weiteres Hindernis sehen die Forscher die Verkrustung durch Meeresorganismen. Dies könnte die Barrieren beschädigen und unbrauchbar machen. Martin Thiel von der Universidad Católica del Norte in Chile fürchtet zudem, dass mit dem Plastik auch Meerestiere eingefangen und getötet würden, die an der Oberfläche leben. Aus dem Konzept bringen lassen sich Slat und sein Team dennoch nicht.Stattdessen tüfteln sie fleißig weiter, um den „Meeresstaubsauger“ zu optimieren – mit Erfolg. Aktuell laufen die Vorbereitungen für den großangelegten Cleanup des „Großen Pazifischen Müllstrudels“, der im Mai 2018 starten und bei vollem Technologieeinsatz den Nordpazifik innerhalb von fünf Jahren von der Hälfte des herumtreibenden Plastikmülls befreien soll. Danach könnten der Indische Ozean, der Nord- und Südatlantik sowie der Südpazifik folgen. Wir sind es dem Wunder der Meere schuldig, meint Boyan Slat. Denn:

Wir sollten uns als Gesellschaft nicht immer nur nach vorne bewegen, sondern wir müssen auch hinter uns aufräumen.

Dies ist ein Beitrag aus dem stilwerk Magazin „WUNDER“, verfasst von Lena Unbehauen. Die aktuelle Ausgabe des Magazins erhalten Sie an den stilwerk Standorten in Berlin, Düsseldorf und Hamburg. Mehr zum Projekt finden Sie außerdem unter theoceancleanup.com.

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