Recycled Architecture

So bringen Architekten ihr Publikum zum Staunen: eben noch Abrisskandidaten, können sie sich zu echten Juwelen entfalten. Fantasievoll, elegant und inspirierend.

Freie Grundstücke in attraktiver Lage sind rar und noch dazu meist unbezahlbar. Stattdessen werden seit den 1990er Jahren immer mehr ehemalige Industriegelände umgebaut zu einzigartigen Kulturfabriken mit besonderem Flair. Sie ziehen nicht nur Scharen von Besuchern an, sondern lassen auf wundersame Weise auch den Puls ganzer Stadtteile plötzlich höher schlagen.

Wer das neue Zeitz Museum in Kapstadt betritt, legt erst einmal den Kopf in den Nacken. Der Blick wandert hinauf, durch das 27 Meter hohe Atrium, wo ein Gummidrachen des Künstlers Nicholas Hlobo seine Gummiflügel ausbreitet. Angefixt durch dieses erste, verblüffende Kunsterlebnis geht es weiter auf Entdeckungstour. Gläserne Fahrstühle und steile Wendeltreppen führen zu 80 Galerien auf sieben Kunst-Etagen bis zum Skulpturengarten auf dem Dach. Das Zeitz MOCAA (Museum for Contemporary Art Africa), das im Herbst 2017 seine Tore öffnete, versammelt endlich die bedeutendste Gegenwartskunst des Kontinents unter einem Dach.

Die Idee dazu hatte der 54-Jährige frühere PUMA-Chef Jochen Zeitz, der die Sammlung gemeinsam mit dem jetzigen Direktor und Chefkurator des MOCAA, Mark Coetzee, in weniger als zehn Jahren zusammenkaufte, von Anfang an mit der Vision, ein eigenes, großes Museum damit zu bestücken. Dass seine Werke nun tatsächlich in Bestlage, an Kapstadts Victoria & Alfred Waterfront zu sehen sind, grenzt an ein Wunder. Denn kaum ein Bau schien so ungeeignet zur Kunst-Präsentation wie das avisierte historisches Getreidesilo von 1924: Fensterlos, ohne Tageslichteinfall und unterteilt in Hunderte senkrechte Röhren.

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Gemeistert hat diese Reinkarnation des Baus zu einem der spektakulärsten Museen weltweit Architekt Thomas Heatherwick, der unter anderem durch die hydraulische Rolling Bridge in London Berühmtheit erlangte und den Umbau des hundert Jahre alten Silos als eine der größten Herausforderungen seiner Karriere beschreibt:

Wir arbeiteten wie Archäologen, die sich in dem Wirrwarr der Gänge zurechtfinden mussten.

Ein Getreidekorn, das der Brite auf dem Boden des Silos fand, lieferte die zündende Idee: er scannte und vergrößerte das Korn, schnitt dessen organische Silhouette aus der Mitte des Betonkolosses heraus und schuf so ein Atrium, das die Architektur überraschend leicht wirken lässt.

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Wenn es noch Häuser gibt, mit denen Architekten ihr Publikum zum Staunen bringen können, dann sind es solche umgebauten Silos, Fabriken oder Bunker. Eben noch Abrisskandidaten, können sie sich zu echten Juwelen entfalten: fantasievoll, elegant und inspirierend. Mehr noch: Oft gelingt es diesen ehemaligen Ruinen, den Wandel heruntergekommener Stadtviertel zu einem boomenden, lebendigen Quartier einzuleiten, so wie die Tate Modern in London-Bankside, die mit dem Umbau eines alten Kraftwerks am Südufer der Themse vor sechszehn Jahren zu einem der meistbesuchten Museen überhaupt wurde. Und natürlich die 2016 eröffnete Hamburger Elbphilharmonie, deren gläserner Konzertsaal über einem alten Kaispeicher mitten im Hafen tront. Beide entworfen von den Schweizer Architekten Herzog & de Meuron, sind sie weit strahlende Leuchttürme einer Gattung, die aber in kleinerem Maßstab nicht minder fasziniert.

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Auf der Suche nach spektakulären Ausstellungsorten entdeckten etwa in Berlin gleich zwei renommierte Kunstsammler ausrangierte Bunker für ihre Werke. „Boros Bunker“ in Berlin-Mitte diente nach seinem Bau 1942 als ziviler Schutzbunker, später als Militärgefängnis, Obst- und Gemüsekombinat und in den 1990ern als Technoclub. Bis Christian Boros, Agenturinhaber und Verlagschef, ihn 2003 kaufte, vier Jahre lang aufwändig umbaute und so auf 3000 Quadratmetern ein ungewöhnliches und beeindruckendes Zuhause für rund 700 (im Wechsel gezeigte) Werke zeitgenössischer Künstler schuf.

Zehn Jahre später eröffnete der Sammler Désiré Feuerle in einem ehemaligen Telekommunikationsbunker am Halleschen Ufer die „Feuerle Collection“. Bei ähnlicher Nutzung boten beide Bunker doch ganz unterschiedliche Voraussetzungen für die Kunst. Boros’ Reichsbahnbunker, der früher Menschen schützte, war schon in einzelne Räume gegliedert. „Ein Nachteil sind nur die kleinen Eingangstüren, die mich auf Werke bis 2,20 Meter beschränken“, erklärt Christian Boros, „alle größeren müssen gelagert werden, bis ich einen Bunker mit größeren Türen gefunden habe“. Feuerles Monolith bietet riesige freie Flächen, deren Qualität der Londoner Stararchitekt John Pawson zusammen mit dem Berliner Büro Realarchitektur durch subtile Eingriffe in Szene setzte. Eine Gemeinsamkeit haben die beiden Kunstbunker aber doch: Wie Boros lies sich auch Feuerle auf dem Dach seines massiven Baus ein Penthouse errichten. Auch viele Privatleute sehen in einer alten Fabrik oder Werkstatt ihren Traum von einem ganz besonderen Zuhause zum Greifen nah. So ein Umbau bedarf zwar einer ordentlichen Portion Risikobereitschaft, dafür sind Industriebrachen meist günstiger zu haben und versprechen riesige Flächen, kathdralenartige Räume und romantischen Ruinencharme. Dabei stellen mal die Räume selbst, die nicht für das Wohnen zugeschnitten wurden, die größte Herausforderung an die Planer, dann wieder sind es die Energieeffizienz oder sogar Kontaminierungen, welche die Bauherren harsch aus ihren Träumen reißen. Doch wer durchhält, wird belohnt.

Der Berliner Architekt Arno Brandlhuber kaufte 2013 eine 500 Quadratmeter große Textilfabrik aus DDR-Zeiten, die auf einem Seegrundstück bei Potsdam stand. „Das alte Gebäude mit dem grau geschlämmten Putz war wirklich keine Schönheit“, erzählt Brandlhuber. Dennoch ließ er es nicht abreißen, entkernte es stattdessen und setzte ein fünf Meter breites Panoramafenster in die Südfassade Richtung See. Das Satteldach aus Wellasbest ersetzt heute eine Betonplatte, die gleichzeitig als Dachterrasse dient. Trotz seiner idyllischer Lage und der luxuriösen Größe nennt der Architekt das Haus wegen seiner rauen Oberflächen liebevoll seine „Antivilla“. Dafür lägen die Materialkosten deutlich unter Villen-Maßstäben. „Sichtbeton ist eben einfach und preiswert.“

Umgebaute Gewerbebauten sind Herzensprojekte, praktische Vorteile, so zahlreich sie auch sein mögen, bilden selten die treibende Kraft. Schon gar nicht aber bei Ricardo Bofills „La Fábrica“. Als der heute 77jährige Architekt 1973 durch einen Zufall nicht weit von Barcelona auf eine verlassene Zementfabrik stieß, war es sofort um ihn geschehen: „Der ganze Platz, die Licht- und Schattenverhältnisse, die plastischen, haptischen Oberflächen, alles einzigartig, weil es heute kaum noch so hergestellt wird.“ Bofill kaufte sie und griff zu drastischen Mitteln. Mit Dynamit und Presslufthammer legte er Räume offen und befreite die Silos von eingetrocknetem Zement. Wie ein Bildhauer arbeitete er die Grundform des Gebäudes heraus und schafft alles beiseite, was die Anmut des Ortes zerstörte. Heute hat Bofill die acht verbliebenen Beton-Zylindern und das labyrinthische Raumwirrwarr dazwischen längst zu seinem Lebensmittelpunkt gemacht, mit seinen Privaträumen und der „Taller de Arquitectura“, der Architektur-Werkstatt. Im beeindruckenden, ehemaligen Maschinenraum mit seinen dreizehn Meter hohen Decken empfängt er Gäste, veranstaltet Partys und Konzerte.

Die Geschichte solch spektakulärer Umbauten könnte man noch lange erzählen. Das Gemeinsame dieser Projekte, in aller Unterschiedlichkeit, ist ihr Aufruf an unsere Fantasie, sich nicht mit dem Gegebenen abzufinden. Es gilt, ein Potenzial dort zu sehen, wo andere einfach nur noch abreißen wollen. Bofill hat den brutalistischen Beton seiner „Fábrica“ überwuchern lassen. Im Garten wachsen Palmen, Eukalyptus und Zitronenbäume. „Der Garten der Lüste“, schmunzelt er in Anspielung auf das berühmte Gemälde von Hieronymus Bosch. Für ihn ist das frühere Fabrikgelände kein utopisches Traumbild, sondern ein echtes Paradies.

Dies ist ein Beitrag aus dem aktuellen stilwerk Magazin „Wunder", geschrieben von Amelie Osterloh für stilwerk. Ihr eigenes Exemplar können Sie an jedem stilwerk Standort in Berlin, Düsseldorf oder Hamburg mitnehmen.

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