stilwerk_recycled_architecture_hospitality_santos_rotterdam_stage

Santos Speicher | Recycled Architecture

Rotterdam traut sich was – in keiner anderen holländischen Stadt wird so viel experimentiert wie hier. Und auch stilwerk ist mutig: Im Hafenviertel entsteht ein neues Designcenter – in einem Speicher, der zurzeit noch unter Wasser steht. Eine Ortsbegehung mit der Architektin.

In der Serie Recycled Architecture widmet sich stilwerk architektonischen Fossilien, die dank großer Visionen wieder zum Leben erwachen und als einzigartige Juwelen ganze Stadtviertel prägen – fantasievoll, elegant und inspirierend.

Die Dielen knarzen. „Riechen Sie das? Koriander.“ Karin Renner mustert den Boden. Die Hamburger Architektin vom Büro Renner Hainke Wirth Zirn Architekten steht im dritten Stock eines schlichten, kubi­schen Backsteingebäudes, das auf einer Halbinsel am Rhijn- und Maashaven von Rotterdam dem rauen Wind trotzt. „Jede Etage riecht anders.“ Der Grund: In dem 1901 entworfenen Pakhuis lagerten früher Kaffee und Gewürze. Jetzt soll das Haus am Brede Hilledijk Nummer 95 erste Anlaufstelle für Designliebhaber werden. 2021 eröffnet hier ein stilwerk Ableger, der erste außerhalb Deutschlands. Auf ca. 7.500 Quadratmetern Nettogrundfläche wird es dann unter anderem eine komplette Etage für holländisches Design geben, eine Markthalle im Erdgeschoss, aber auch – und das ist neu – Coworking Spaces und Serviced Apartments, in denen man stilvoll für ein paar Tage oder auch Monate abstei­gen kann. Mehr zum Thema stilwerk goes hospitality auch hier ›

stilwerk_recycled_architecture_hospitality_santos_rotterdam_page_03

In dem Speicher, den stilwerk und das Hamburger Architekturbüro Renner Hainke Wirth Zirn vor zehn Jahren entdeckten, lagerte vor allem brasilia­nischer Kaffee. Daher wurde das Haus nach Brasiliens größtem Hafen, Santos, benannt. Es hatte für die damaligen Verhältnisse ein sehr fortschrittliches Ladesystem, bei dem Winden auf dem Dach die Güter in die verschiedenen Stockwerke hoben. Mit seiner kubischen Form, den beiden fast identisch verzierten Frontseiten und den geschlossenen Seiten-wänden war der nüchterne Bau als eines von mehreren Lagerhäusern in einer Reihe geplant – doch der Speicher bekam nie Nachbarn. So steht das Gebäude heute frei, die dunkelroten Backsteine und die grünen Klapptüren der Ladeluken warten auf ein Makeover.

stilwerk_recycled_architecture_hospitality_santos_rotterdam_page_01

Eine Gratwanderung. Denn einen über Hundertjährigen kann und darf man nicht auf Biegen und Brechen ver­ändern. Die alte Kaffeelagerhalle ist ein Rijksmonument: Ein kulturhistori­sches Erbe, das aufgrund seines Alters, seiner Konstruktion und Lage unter Denkmalschutz steht. Ein Gebäude ist dann ein Kulturerbe, wenn es von ver­gangenen Generationen geerbt wurde und aufgrund seiner Schönheit, wissen­schaftlichen oder kulturellen Bedeutung für zukünftige Generationen erhalten werden soll. Als Karin Renner den Santos-Speicher auf der Halbinsel Katendrecht zum ersten Mal sah, wusste sie sofort, dass sie etwas besonderes vor sich hatte. „Er stand dort ganz allein, wie ein großer Würfel in einer Wüste.“ Authentisch, unsaniert, mit puren Böden und Patina.

stilwerk_recycled_architecture_hospitality_santos_rotterdam_page_04

Egal ob Toiletten, Stromkästen oder großflächige Stahlkonstruktionen und Ladeluken, bei allem stellt sich Renner jetzt die Frage, ob es historisch relevant ist und wie es bearbeitet werden kann. „Das Ziel ist es, so viel wie möglich zu erhalten“, sagt die 55-jährige. Das ist mühsam, denn ob die Graffitis, die Hafenarbeiter an die Wände gemalt haben, oder die alten Lichtschalterkulturhistorisch von Bedeutung sind, ist nicht immer einfach zu entscheiden. „Aber wir arbeiten ja nicht allein.“ Renners Team teilt sich den Job mit dem hol­ländischen Architektenteam um Sander Nelissen von Wessel de Jonge architecten. Was gut passt: Die Niederländer sind spezialisiert auf den Denkmalbereich, Renner kommt aus der Moderne. Von ihr stammt zum Beispiel der „fliegende Rochen“, das Lufthansa-Empfangsgebäude. Außerdem steht den Kreativen die Welstandscommissie zur Seite, eine Kommission von Fachleuten, die auf das baukünstlerische Konzept schaut. „Jedes Projekt in den Niederlanden geht durch diese Organisation, auch Neubauten“, so Renner. „Es macht die Arbeit nicht unbe­dingt einfacher, aber es ist gut, wenn das Projekt einen ganz unabhängigen Anwalt an seiner Seite hat.“

Einen Teil des Vorschlags zur Neugestaltung wies der Beirat so auch zurück: eine Treppe, die sich vertikal wie ein Schraubenzieher spiralförmig nach oben drehen sollte. „Das war der Kommission zu dominant. Wir haben die Treppe jetzt etwas ruhiger gemacht“, erklärt Renner. Sie bewege sich nun orthogonal im Raum und betone die diagonal ausgelegten Holzböden des Speichers. Auch die Leitungsführung musste überdacht werden. Ursprünglich waren die Installationsleitungen im Kern des Treppenhauses vorgesehen, dafür hätte aber eine Holztreppe weichen müs­sen. „Dann kam die Entscheidung: Die Treppe muss bleiben, sie ist ein wichtiges Zeitdokument.“

„Man ist mit jeder Aufgabe neu gefor­dert. Das ist das Spannende an unserem Job“, sagt Renner, die schon lange nicht mehr um Aufträge betteln muss. „Das zu finden, was der Ort braucht, mit einem Super-Team ein Konzept zu entwickeln, macht mir am meisten Spaß.“ Trends seien der Architektin relativ egal. Zumal sie nicht mehr so einfach festzunageln seien wie früher. „Da gab es den Klassizismus, dann den Jugendstil. Aber die Moderne ist so extrem breit gefächert – ich lasse mich lieber vom Ort inspirieren.“ Und es müsse auch nicht jedes Mal ein Mammutprojekt sein. „Wir machen auch kleine Sachen. Das Thema ist uns wichtig.“

Ladeluken anscheinend auch. Die maroden Klapptüren im Santos-Speicher möchten die Architekten auf jeden Fall erhalten. Sie sollen jetzt allerdings nach innen öffnen, die Luken werden verglast. Und auch das Mauerwerk bleibt größ­tenteils bestehen. Die Stahlstützen des Gebäudes, zusammengehalten durch mar­kante Schrauben, bekommen lediglich einen Brandschutzanstrich.

stilwerk_recycled_architecture_hospitality_santos_rotterdam_page_06

Die Neugestaltung sei dennoch keine Restauration. „So sehr wir das Denkmal lieben, stehen wir auch zur Moderne“, sagt Renner. „Wir möchten alt und neu so verbinden, dass ein sensibler Kontrast entsteht, aber auch ein Dialog zwischen historischem und modernem Design.“ Dafür hat das Architektenteam die Kommission überzeugt, das Dach des Gebäudes teilweise abtragen zu dürfen. In der Mitte des Gebäudes wird ein Atrium entstehen, durch das Tageslicht bis zum Erdgeschoss dringt. Ganz oben auf das Dach kommen noch zwei weitere Ebenen, die wie eine schwebende goldene Skulptur geformt sind und die Apartments beheimaten sollen. Ein großer Vorteil für die Umbauten: Der Speicher war auf schwere Lasten ausgelegt.

Trotzdem darf man den Kubus nicht überfrachten, man darf nicht zu vielmachen. Das war die Aufgabe: eine gute Proportion zu finden, so dass das Neue nicht das Alte erdrückt, aber das Alte auch nicht zu dominant wirkt.

Gelöst hat das Architekturbüro diese Aufgabe durch eine gläserne Fuge, die als zurückgenom­mene Zwischenetage fungiert, in der die Coworking-Spaces entstehen sollen. „Durch diese Fuge sieht es aus, als würde die Dachkonstruktion schweben. Die alte Substanz wird nicht überstrahlt, jedes der Teile hat seine eigene Identität, aber sie korrespondieren miteinander.“

stilwerk_recycled_architecture_hospitality_santos_rotterdam_page_02

Eine neue stilwerk Design-Destination mit den Hospitality-Bereichen – Serviced Apartments, Co-Working, Gastronomie und Markthalle – entsteht bis 2021 auf der Halbinsel Katendrecht am Rotterdamer Hafen.

Die goldene Dachskulptur sei wichtig, um den Blick auf den Santos-Speicher zu lenken, denn um das Gebäude herum werde hoch gebaut. Die Stadtverwaltung wertet Katendrecht, das mit seinen Amüsierlokalen und Seemannskneipenlange eher als Brennpunktviertel bekannt war, gerade konsequent auf. Neben Sozial-wohnungen und Studentenwohnheimen kommen Cafés und Restaurants in die Nachbarschaft. „An den nördlichen Seiten des Wilhelmina-Piers sind Hochhäuser entstanden, es gibt ein Filmmuseum und das alte Reedereigebäude von der Holland-Amerika-Line“, erklärt Renner. Im süd­lichen Katendrecht werde noch gebaut:

Das entwickelt sich gerade. Hier sehe ich stilwerk, wie vor 20 Jahren auch in Hamburg, als wichtigen Pionier im städtischen Entwicklungsraum.

Und nachhaltig sei das Projekt auch noch: Für die Dachskulptur nutzt das Architektenteam die vorhandene Trag-struktur. Der neue Körper wird auf den Stahlträgern der alten Konstruktion ruhen. Renner ist über diese Idee be­sonders glücklich: „Das ist total nach­haltig, die gute Bausubstanz zu nutzen, anstatt abzureißen und im Zweifel eine schlechtere Substanz zu stellen.“ Die Skulptur selbst besteht aus einer dünnen Metallhaut, deren Löcher den Blick aufs Wasser freigeben. Denn Wasser gehört zu Rotterdam wie das Anker-Tattoo zum Seefahrer. Das merkt man auch, wenn man in das Kellergewölbe des Santos-Speichers hinabsteigt. Es steht komplett unter Wasser. Die dicken Säulen spiegeln sich still auf der Oberfläche. Ansatzweise vergleich­bar muss es sich anfühlen, wenn man Atlantis entdeckt. „Schön, oder? Ich könnte mir das hier gut als Club oder als Bar vorstellen“, überlegt Renner. „Rotterdam ist nicht mehr die herunter­gekommene Arbeiterstadt, die sie mal war. Sie ist jung und aufregend. Hier passiert gerade so viel.“ Was auch der Hauptgrund war, dass sich stilwerk Ge­schäftsführer Alexander Garbe für Rotterdam und den alten Kaffeespeicher im Rhijnhaven entschied. Zudem sei die Stadt nicht so stark denkmalgeschützt wie Amsterdam. Das gibt Kreativen die Freiheit, sich auszutoben. „Rotterdam traut sich was. Und das steckt an.“

stilwerk_recycled_architecture_hospitality_santos_rotterdam_page_08

Alexander Garbe

Dies ist ein Beitrag aus dem aktuellen stilwerk Magazin „anders", geschrieben von Annika Thomé für stilwerk. Das Magazin gibt es zum Mitnehmen in den stilwerk Häusern Berlin, Düsseldorf und Hamburg und im ausgewählten Zeitschriftenhandel.

› Zurück zur Übersicht.

News
Bauhaus
98/100 | Eierkoch von Wilhelm Wagenfeld
Anlässlich des 100-jährigen Gründungsjubiläums des bauhauses stellen wir 100 Dinge aus dem faszinierenden...
News
Wohnen | Sitzmöbel
Bubble | Roche Bobois
Rund, straff und komplett handgefertigt. Entdecken Sie die Kollektion „Bubble“ von Roche Bobois....
News
Wohnen
Massivholz im Maßanzug
Von wegen Holz vor der Hütte: Die Möbelmanufaktur Janua freut sich viel mehr, wenn sie ihre maßgefertigten...
News
Neuheiten | Bauhaus
MODERNISM | möve
Inspiriert von einer der wohl einflussreichsten Gestaltungsschule Europas präsentiert möve anlässlich...
News
 
20 Jahre stilwerk Berlin
Im November 1999 eröffnete das stilwerk Berlin an der Kantstraße 17. 20 Jahre später ist das Designcenter mit seiner einzigartigen Markenvielfalt noch immer die erste Adresse für Liebhaber guter Gestaltung. Ein Jubiläum, das es lohnt zu feiern. Feiern Sie mit uns. Goldener Herbst: Ab September stehen im stilwerk Berlin alle Zeichen auf Jubiläum....
News
Wohnen | Sitzmöbel
DROP CITY | BRETZ
Das neue Sofa „DROP CITY“ von Dagmar Marsetz für BRETZ lässt das unbeschwerte Lebensgefühl der 1960er wiederaufleben. Entdecken Sie die Neuheit ab sofort im stilwerk. „Let loose in Drop City“ – das war das Motto der gleichnamigen, ersten Hippie-Kommune der 1960er Jahre in Kalifornien. Den dort ausgelebten Traum von Freiheit und Unbeschwertheit...
News
Bauhaus | Wohnen
97/100 | LC4 von Charlotte Perriand
Anlässlich des 100-jährigen Gründungsjubiläums des bauhauses stellen wir 100 Dinge aus dem faszinierenden...

Schön, dass Sie da sind!

stilwerk schenkt Ihnen das neue stilwerk Magazin „Living intensified“. Sie müssen sich dafür nur zum stilwerk Newsletter anmelden und wir schicken Ihnen Ihr persönliches Exemplar direkt nach Hause.*

So erfahren Sie zukünftig alles exklusiv und aus erster Hand: Trends, Ausstellungen, Verlosungen oder Events – in Berlin, Düsseldorf und Hamburg lässt sich immer etwas Neues entdecken. Für stilwerk ist Design alles. Jeden Tag. Rund um die Uhr.

*Die Teilnahmebedingungen zu der Aktion finden Sie hier.

Jetzt noch ein paar Details…

Zurück

Willkommen im stilwerk!

Nur noch ein Klick, dann sind Sie dabei.
In Kürze erhalten Sie eine personalisierte E-Mail mit einem Bestätigungslink und der Möglichkeit, Ihre Daten zu vervollständigen.
Wir freuen uns.

Fehler