TWA Flight Center & Met Breuer | Reclaimed Architecture

Da geht noch was: Marode, alt, vergessen – manche Bauwerke sind erst auf den zweiten Blick schön. Zum Glück gibt es Menschen, die nicht nur die verlassene Flughafenhalle oder den alten Betonklotz sehen. Sondern ihr wahres Potential. Und ihnen ein aufregendes zweites Leben schenken.

In der Serie Reclaimed Architecture widmet sich stilwerk architektonischen Fossilien, die dank großer Visionen wieder zum Leben erwachen und als einzigartige Juwelen ganze Stadtviertel prägen – fantasievoll, elegant und inspirierend.

Auf dem Runway des TWA Flight Centers am JFK Flughafen von New York ist die Hölle los. Aber heute schweben keine Flugzeuge, sondern Models darüber. Denn Louis Vuitton, die Marke, die einst mit Reisekoffern anfing, stellt hier ihre Cruise-Kollektion 2020 vor. Ohne Anschnallzeichen, ohne Tomatensaft, nur die Jetsetter sitzen wie gehabt in den ersten Reihen. Flugzeuge docken hier schon seit 18 Jahren nicht mehr an. Aber das Terminal einfach abzureisen, kam nie in Frage.

1962 erstmals eröffnet, entworfen von dem finnisch-amerikanischen Architekten Eero Saarinen für die Trans World Airlines, sieht es aus wie ein gigantischer Vogel mit ausgebreiteten Schwingen. Saarinen entwarf es damals nach rein formalen Gesichtspunkten, ohne Rucksicht auf das ideale statische Tragverhalten der Betongewölbe.

Jetzt startet das Terminal noch einmal neu durch: als TWA Hotel. Ab 249 Dollar pro Nacht kann man den Flugzeugen der anderen Terminals nun vom Bett aus bei Start und Landung zusehen. Zu hören ist nichts, die 512 Zimmer sind komplett schalldicht. Und man kann hier nicht nur gut zwischenlanden, sondern gleich urlauben: Es gibt Geschäfte, sechs Restaurants – eins davon ein Ableger vom „Paris Café“ des Michelin-Sternekochs Jean-Georges – sieben Bars, eine Rooftop-Schenke und zwei Filialen der hippen Chicago-Cafés „Intelligentsia“. Eine davon in einem restaurierten Flieger, einem Lockheed Super Constellation Jet, der auf dem Gelände steht.

Die Kunst des Weglassens

Für alle, die auf monolithische Betonklotze stehen, ist auch ein Besuch des Met Breuer an der Upper East Side von New York ein Muss. Entworfen von Bauhaus-Pennäler Marcel Breuer und in nur drei Jahren fertiggestellt, ist das Monument von 1966 seit ein paar Jahren – und zumindest noch bis 2020 – Außenstelle des Metropolitan Museums. Die Architekturkritikerin Ada Louise Huxtable beschrieb das Breuer-Haus einmal als

befremdliche, kopflastige Masse aus umgedrehten Pyramiden. Eine Form, für die man sich nur langsam erwärmt. Wie der Geschmack von Oliven oder warmem Bier.

Seine einfachen Materialien – Beton, Granit, Bronze und Holz – sollten dem Gebäude eine naturnahe Textur geben. „Breuer mochte diese harte Würde von alternden Materialien“, sagt John H. Beyer vom Architektenbüro Beyer Blinder Belle, das für die Umgestaltung zuständig war (übrigens auch für das TWA Flight Center von Saarinen).

Das fast Wichtigste beim Restaurieren ist zu entscheiden, was nicht gemacht werden darf. Und wir haben sehr viel nicht gemacht. Aber das, was wir justiert haben, vermittelt ein Verständnis für den Raum, so wie Breuer ihn geschaffen hat.

Beinahe aufgegebene Bauwerke liefern einen rohen, ehrlichen Kontext für Kunst. Und manchmal ist es andersherum, dann ist die Kunst der Kontext. Zur Eröffnung der Met-Filiale ließen die Betreiber den mit dem Pulitzer-Preis gekrönten Komponisten John Luther Adams ein neun Minuten und neun Sekunden langes Stuck komponieren. Das, so hatte man vorher gemessen, sei genau die Zeit, die Leute durchschnittlich brauchten, um die acht Blocks vom Met Fifth Avenue zum Met Breuer zu laufen. Das Ergebnis kann man sich auf der Webseite des Museums anhören.

Über den fast unheimlich wirkenden Klangteppich sagt Adams: „Das sind alles Geräusche, die ich auf der Strecke zwischen den beiden Museen aufgenommen habe. Stimmen, ein Presslufthammer, Spatzen oder das Hupen eines Taxis – ich habe nichts dazugetan, nur gefiltert und neu angeordnet, um das große Ganze aufzuzeigen, das uns ständig umgibt, ohne dass wir es bemerken."

Mehr als neun Minuten und neun Sekunden sollte man sich zum Beispiel für New Yorks High Line nehmen. Wie die stillgelegte Güterzugstrecke zu neuem Leben erweckt wurde erfahren Sie hier ›

Dies ist ein Ausschnitt aus einem Beitrag aus dem stilwerk Magazin „Living Intensified“, verfasst von Annika Thomé. Die aktuelle Ausgabe erhalten Sie an den stilwerk Standorten Berlin, Düsseldorf und Hamburg sowie im ausgewählten Zeitschriftenhandel.

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