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Unterwegs in anderen Welten

Sie reist in Kriegsgebiete oder dreht in Flüchtlingslagern, um denen eine Stimme zu geben, die sonst nicht gehört werden. Im neuen Werk der Deutschen Filmemacherin Lucy Martens geht es weitaus friedlicher zu: 12 Anführer indigener Stämme erzählen, warum wir unsere Welt anders schätzen lernen sollten. Ein Treffen mit einer Frau, die verdient, gehört und gesehen zu werden.

Im siebten Stock des stilwerk Hamburg ist eine große Leinwand aufgebaut, erwartungsvolle Blicke richten sich auf die blonde Frau davor. Sie trägt legere Jeans, darüber ein schlichtes weißes Hemd, am Handgelenk silberne Armbänder. Das lange Haar umrahmt ihren strahlenden Blick. Sie lächelt, als sie das Publikum auffordert, den nachfolgenden Film mit dem Herzen zu sehen. Als Meditation. Einer der Zuschauer runzelt die Stirn. Lucy Martens hat für ihre Dokumentation „The Twelve“ zwölf Länder bereist, um dort die Ältesten indigener Stamme nach dem Zustand unserer Erde zu befragen. Die Antworten, die sie von den „zwölf Weisen“ bekam, sind wenig überraschend, auch wenn wir sie vielleicht anders formulieren wurden. Dass unsere Mutter Erde krank sei, dass sie leide unter unserer Gier, unserem Drang, die Natur immer weiter auszubeuten und damit in nächster Zukunft völlig zu zerstören.

Der Film zeigt eindringliche Szenen von unberührter Natur, von Menschen mit bemalten Gesichtern und Federn am Ohr, von lachenden Kindern fernab von Smartphone und Playstation. Ein quasi-paradiesischer Zustand, der umso stärker wirkt, als er mit nur wenigen Bildern von vermüllten städtischen Brachen irgendwo in Sudamerika kontrastiert wird. Ihr Werk sei durch Crowdfunding finanziert worden, erzählt die Dokumentarfilmerin, die „The Twelve“ im Rahmen einer Pre-Show-Tour bekannt machen will. Einen Verleih wird der Film nicht bekommen. Die in London lebende Filmemacherin hofft, dass die Botschaft der Indigenen so möglichst viele Menschen erreicht. Der irritierte Zuschauer von eben guckt nun gebannt auf die Leinwand, als die Kamera, verstärkt von eindringlichen Klaviertonen und Geigen, die zwölf Weisen nach New York begleitet. 2017 zelebrierten sie im Gebäude der Vereinten Nationen, weitestgehend unbemerkt vom politischen Tagesgeschäft, ein Ritual, das durch Gesange, Tänze und dem Verbrennen von Raucherwerk unsere Erde heilen soll.

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„The Twelve“ überrascht angesichts der Filmografie von Lucy Martens. Die 39-Jahrige wurde mehrfach mit Preisen ausgezeichnet für ihre intensiven Reportagen. Etwa „Women, War & Peace“, eine eisenharte, hochpolitische Arbeit über die Gewalt, der Frauen in bewaffneten Konflikten ausgesetzt sind. Oder die BBC-Dokumentation“„Out of the Ashes“ über das afghanische Cricket-Team, das aus den Flüchtlingslagern zur Weltmeisterschaft reist. Ein Film, der auf eine sehr realitätsnahe und gleichzeitig humorige Art Menschen zeigt, die versuchen, nach Jahren des Krieges zu einer Art Normalität zurückzufinden. In vielen ihrer Werke geht es um Brutalität und Gewalt, um bewaffnete Konflikte, Hunger und Tod. Die Entscheidung, Dokumentationen zu drehen habe sie getroffen, nachdem sie eine Reportage über die chinesischen Sterbezimmer gesehen hatte, erzählt Martens. Damals sei sie gerade 18 gewesen, kurz nach dem Abitur in Hamburg. Nach dem Filmstudium in London und drei Jahren in Dubai reiste sie für eine Arbeit über Friedensaktivisten nach Palästina, es folgten Produktionen für PBS in den USA, die BBC und Organisationen in Somalia oder Syrien. „The Twelve“ scheint eine radikale Abkehr von den grausamen Bildern der Krisenregionen zu sein, ein visueller Gegenentwurf zu unserer perspektivlosen Selbstzerstörung. Doch der Film betört nicht nur durch wunderschone Bilder, er schürt auch die leise Hoffnung, es könne doch noch einen Ausweg aus der menschengemachten Katastrophe geben.

Tief beeindruckt sei sie von der Spiritualität der Indigenen gewesen, berichtet die Filmemacherin, die Arbeit habe sie stark verändert, sie selbst sei dadurch offener geworden für die Natur und die Dinge jenseits von Himmel und Erde. Doch nicht jeder sei so empfänglich für spirituelle Ideen wie etwa die Kalifornier, erzählt sie. In Hamburg fragt ein jüngerer Mann im T-Shirt zaghaft, ob wir es uns nicht zu einfach machen wurden, wenn wir glaubten, dass zwölf Naturvolk-Leader unseren Planeten retten konnten? Und eine ältere Dame erkundigt sich besorgt, ob die Medizinmänner und -frauen denn wenigstens Nachfolger hätten, sie seien ja alle schon etwas älter? Lucy Martens lächelt. Der Film, sagt sie, sei eine Aufforderung, bei sich selbst anzufangen und dadurch mitzuwirken an der Veränderung.

„The Twelve“ ist ein eher leiser Film. Aber er hat eine große Intensität, nicht zuletzt, weil er uns die Intensität eines Lebens mit der Natur aufzeigt. Was bedeutet dir die Natur?
Ich habe erst durch meine Arbeit wirklich verstanden, wie sehr wir mit der Natur verbunden sind und dass wir sie schützen müssen. Früher war Natur immer ein bisschen schwierig für mich – in der Stadt kann man sich ja sehr gut ablenken. Heute finde ich Ruhe in ihr.

Du hast für eine Doku zwei Jahre mit Indigenen zusammengelebt. Wie war das?
Wir waren bei den Lakota in South Dakota. Es ging um einen Medizinmann, der vor seinem Tod sein Wissen noch an die nächste Generation weitergeben wollte. Allerdings war er Alkoholiker und drogenabhängig und alle seine Kinder auch. Er hat etwa versucht, ihnen die Funktion der Schwitzhütte und bestimmte Lieder zu erklären. Und er wollte sie eigentlich noch auf einen Vision Quest schicken; das ist, wenn man bis zu vier Tage allein auf einem Berg sitzt und Visionen bekommt. Doch der Krebs war schneller. Der Film hieß „The Sacred and the Profane“, weil der Medizinmann auch diese profane Seite hatte – er war spirituell, aber aggressiv. Ein schwieriges Thema und auch sehr traurig. Ich wollte zeigen, dass den Indigenen nichts bleibt außer Alkohol, wenn man ihnen ihr Land wegnimmt und ihre Tradition. Das ist eine leise Form von Genozid.

Du hast viele Filme in Krisenregionen gedreht, Afrika, Naher Osten, Afghanistan. Was zieht dich dort hin?
Ich dachte, wenn ich Geschichten von dort erzähle, kann ich Brücken bauen und auf Konflikte und Ungerechtigkeiten in diesen Ländern aufmerksam machen. Ich wollte dort hin, um zu verstehen, was es bedeutet, in einem Kriegsgebiet zu leben. Gerade Afghanistan war wie auf dem Mond landen. Es war so weit weg damals, weil es kaum Internet gab. Insofern war es wie eine Befreiung – ganz weit weg zu sein von dem, was man kennt. Zu spüren, wieviel herzlicher und gastfreundlicher die Menschen dort sind und wie sehr die Familie geschätzt wird, fand ich berührend. Die Nachrichten sind immer sehr einseitig. Dokumentarfilme können Geschichten erzählen über Menschen, deren Stimme man nicht so oft hört.

Was war die gefährlichste Situation, in der du je bei den Drehs warst?
Als ich das erste Mal in Afghanistan war, wurden wir überfallen. Wir waren zu spät losgefahren und es dunkelte schon, als von allen Seiten bewaffnete Männer auftauchten. Zum Glück war das Licht im Auto kaputt und sie haben nur mein Portemonnaie und meinen Pass mitgenommen. Nachdem sie verschwunden waren, wollten wir schnell weg, aber das Auto ist liegen geblieben, und wir mussten zu Fuß weiter. Das war ein Schock. Ich habe in der Situation eigentlich nur abgeschaltet und mir gesagt, wir müssen da jetzt durch. Ein Bus mit einer Gruppe afghanischer Männer hat uns nach Kabul gebracht. Die deutsche Botschaft dort war nicht sehr hilfreich, weil ich kein Arbeitsvisum hatte. In dem Moment wollte ich nur noch zurück, aber später bin ich wieder hingefahren.

Du wirkst sehr stark. Bist du jemand, der immer auf volles Risiko geht?
Ja, ich mag Herausforderungen und gehe auch oft Risiken ein. Ich habe immer das Gefühl, das schon alles gut gehen wird. In London fahre ich meist ohne Helm und ohne Licht – ziemlich bescheuert. Und natürlich habe ich auch Ängste oder Unsicherheiten, die wir alle haben. Nur wenn es ums Reisen geht, habe ich wenig Angst.

Du bist für deine Filme oft wochenlang im Ausland. Wie sieht dein Zuhause aus?
Das verändert sich immer wieder. Zurzeit lebe ich in London bei einer Familie, die mich aufgenommen hat. Ich brauche nur ein Zimmer, wo ich die Tür zumachen und meine Ruhe haben kann. Und nette Menschen um mich herum. Für mich ist zu Hause, wo Freunde sind und wo ich gerade bin. Ich glaube, solange man keinen Lebenspartner oder Kinder hat, ist alles im Transit.

Gibt es Dinge, die dich immer begleiten?
Ich habe eine Playlist, die mich irgendwie erdet. Und immer etwas Smartes dabei für besondere Anlässe, eine Kette oder ein Kleidchen, das ich ins Gepäck stopfe. Aber eigentlich hänge ich nicht so sehr an Sachen, weil ich immer wahnsinnig viel verliere.

Wie wichtig sind dir Besitz und Geld?
Geld ist mir schon wichtig, weil es Freiheit bedeutet. Zurzeit arbeite ich mit der Le Ciel Foundation zusammen. Da wir eine ziemlich neue Organisation sind, müssen wir Fundraising betreiben. Wir haben uns jetzt zweieinhalb Jahre kein Gehalt ausgezahlt, arbeiten alle Fulltime und machen nebenher Jobs, um zu überleben. Das war zeitweise sehr hart, aber auch eine interessante Erfahrung: total pleite zu sein und nachdenken zu müsen, was man wirklich braucht. Man lernt, Geld anders zu schätzen. Dok-Film ist ja auch kein Job, mit dem du reich wirst. Aber ich brauche nun einmal Geld, um mobil zu sein. Doch ich gewöhne mich allmählich daran, dass ich nicht überall mitmachen kann. Verzicht kann auch etwas Positives haben.

Dein Film ist auch Kapitalismuskritik. Glaubst du, dass es eine Form von Konsum gibt, die uns weiterbringt, statt die Erde zu zerstören?
Ich glaube, das Geld und Konsum nichts Schlechtes sind, wenn man bewusst konsumiert. Das Problem mit dem Kapitalismus ist, dass Leute, die Geld haben, immer mehr anhäufen, und andere gehen leer aus. Geld muss im Fluss sein. Ich glaube dass Bewusstseinserweiterung das Wichtigste ist. Weil man dann auch sein Umfeld anders sieht und vielleicht anfängt, sein Konsumverhalten zu ändern und zu merken, dass man keine 14 Handtaschen braucht. Das A und O ist, dass wir bei uns selbst anfangen.

Hast du Ziele für dein Leben?
Ich möchte irgendwann bei mir angekommen sein, so weit, dass ich sagen kann, es ist ok, wer ich bin. Dann ist eh alles gut. Und ich möchte weiter an Projekten arbeiten, die etwas bewirken. Ich habe mittlerweile so viel gesehen, dass ich merke, es muss nicht immer die Reise nach außen sein; die Reise nach innen ist auch total spannend und wichtig.

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Dies ist ein Beitrag aus dem stilwerk Magazin „Living intensified“, verfasst von Andrea Richter.  Ihr persönliches Exemplar der aktuellen Ausgabe gibt es zum Mitnehmen in den stilwerk Häusern Berlin, Düsseldorf und Hamburg sowie im ausgewählten Zeitschriftenhandel.

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