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Upcycling | Neues Leben für alte Sachen

Aus alt mach‘ schick: Was man aus ausrangierten Sachen so alles kreieren kann, beweisen internationale Künstler. Ein Trend, der perfekt zum Zeitgeist passt.

Andreas Gröbel durchforstet alte Turnhallen. Was er sucht sind ausrangierte Turngeräte, das Leder speckig und dunkel von unzähligen Schulsportstunden. Und Turnmatten, denen noch der Geruch von hunderten Gummischläppchen und Talkum anhaftet. Aus denen macht er für sein Label „Zur Schönen Linde“ Bänke oder Hocker. Recycling versteht er als kreativen Wandlungsprozess. Die Materialien werden in einem neuen Kontext wiederverwendet, ohne ihre Herkunft zu verleugnen.

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Früher in der Turnhalle zu Hause, jetzt ein schicker Hocker: „Leder Cube".

Das passt in eine Zeit, in der die Wegwerfkultur nicht mehr zu toppen scheint und die Produktlebenszyklen immer kürzer werden. Als Gegenposition. Als Gegentrend. Doch Recycling bedient noch weit mehr Sehnsüchte. Seit der LOHAS-Bewegung (Lifestyle of Health & Sustainability) fühlen sich Verbraucher wieder bestärkt, dass Konsum doch die Welt retten kann, solange man sich für die richtigen Produkte entscheidet. Ökologisches Bewusstsein darf inzwischen auch formalästhetisch eine Vorreiterrolle übernehmen. Beispiele wären die Elektroautos BMW „i3“ und „i8“. Es ist cool, wenn Produkte wie diese auf verantwortungsvolle Träger oder Käufer verweisen. Damit gehört die Integration von Recyclingmaterialien plötzlich wie selbstverständlich zu den modernen Produktkonzepten.

Vorbei sind auch die Zeiten der Wollsocken-Romantik – die Entwicklung geht hin zu CleanTech, das heißt dem Einsatz sauberer Technologien. Dafür steht auch Timo Perschke mit seinem Outdoor-Sportlabel Pyua. Seine Wintersportbekleidung wird aus recycelten oder recycelfähigen Materialien im sogenannten Closed-Loop-Recycling-System gefertigt, mit dem Energieverbrauch und CO2-Ausstoß reduziert und Ressourcenverschwendung vermieden wird. 

Neben der ökologischen und ökonomischen Nachhaltigkeit gibt es noch ein weiteres Argument, warum das Thema Recycling sich immer weiter vom hässlichen Entlein zum Schwan mausert: Für die Werbeagenturen ist „Storytelling“ zur multimedialen Hauptbeschäftigung geworden. Das heißt: Die Geschichten hinter den Produkten gewinnen an Bedeutung. Und auch diesbezüglich hat Recycling naturgemäß einiges auf Lager.

Christine Centmayer empfindet Upcycling als die perfekte Lösung, um „ein Erbstück, das in seiner ursprünglichen Form nicht mehr zu unserem Lebensstil passt, einer neuen Funktion oder einem neuen Stil zuzuführen“. Beim Upcycling (aus dem Englischen „up“ für „hoch“ oder „auf“ und „recycling“ für „Wiederverwertung“ oder „Wiederaufbereitung“) werden Abfallprodukte oder nutzlose Stoffe in neuwertige Produkte umgewandelt. Im Gegensatz zum Downcycling kommt es bei dieser Form des Recyclings zu einer stofflichen Aufwertung. Die Wiederverwertung von bereits vorhandenem Material reduziert die Neuproduktion von Rohmaterialien und verringert damit Energieverbrauch, Luft- und Wasserverschmutzung sowie Treibhausgasemissionen. Centmayer verpasst mit Ihrem Upcycling Label Deckeln von Kaffeekannen, Zuckerdosen oder Karaffen, die länger als das dazugehörige Behältnis überdauert haben, individuelle, handgedrechselte Holzkörper. So bleiben es Liebhaberstücke, gleichzeitig werden es aber auch zeitgemäße Gefäße.

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Jedem Deckelchen sein Töpfchen: Christine Centmayer fertigt Holzkörper für alte Glas- und Porzellandeckel.

Der Wunsch, Lieblingsstücke weiterleben zu lassen, ist auch Basis der Arbeit der Berliner Modedesignerinnen Eugenie Schmidt und Mariko Takahashi. Kundinnen spenden pro Jahr etwa eintausend alte Lieblingsklamotten, aus denen die beiden unter dem Label Schmidttakahashi Edel-Mode gestalten. Eine gute Idee vor dem Hintergrund, dass laut Statistischem Bundesamt deutsche Haushalte im Jahr 2010 beispielsweise für rund 100.000 Tonnen Textil- und Bekleidungsabfall sorgten. Der Clou beim Modelabel Schmidttakahashi: Jeder Spender erhält einen Code, mit dem er den Upcycling-Wandlungsprozess seiner Klamotte verfolgen kann.

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Links: „Statthocker" aus alten Siteko-Straßenlaternen. Rechts: Edel-Mode aus gespendeten Klamotten.

Den verborgenen Sinn sonst weggeworfener Dinge zu entdecken und nutzbar zu machen – so lautete auch die Aufgabe an die Nachwuchsdesigner des Recycling Designpreises. Über 600 Designer aus insgesamt 16 Ländern – darunter rund zwei Drittel aus Deutschland, ein Drittel aus dem Ausland – reichten 2013 ihre Arbeiten bei der Recyclingbörse Herford ein. Gefragt waren auch Entwürfe aus Materialien vom Sperrmüll oder aus industriellen und handwerklichen Produktionsrückständen. Bewertet wurde aber die Gestaltungsqualität des Entwurfes insgesamt, sein Gebrauchswert, die Umweltverträglichkeit, der Innovationsgrad und das Zukunftspotential. Zudem wurde auch darauf geachtet, inwiefern die Produkte sozial, also etwa in Beschäftigungsinitiativen, Behinderten- oder Jugendwerkstätten hergestellt werden können.

Die Ressourcenschonung ist beim Re- oder Upcycling durch die Zweitverwertung des Materials die Basis, auf der nun Designer versuchen, Recycling-Design vom „shabby“-Flohmarktstyle oder dilettantischen Bastelimage zu emanzipieren. Schließlich entsteht trotz Wiederverwertung ein neues Produkt, das – ohne seine Herkunft zu verleugnen – seine eigene Geschichte schreiben soll. Wie unterschiedlich die Geschichten und Gebrauchswerte sind, illustrieren die prämierten Entwürfe.

Henry Baumann, der Gewinner des mit 2500 Euro dotierten sechsten Recycling-Designpreises 2013, hat aus Obstkisten Gebrauchsgegenstände entworfen. Sitzbank, Leuchte und Tisch seines Projekts „130“ sieht man nicht an, dass sie aus Obstkisten zusammengezimmert wurden. Mit dem zweiten Platz wurde Daria Wartalska für ihr aus Altglas-Flaschen entwickeltes Projekt „Recycling Set, Tableware“ ausgezeichnet. Den dritten Preis gab es für das mobile Wasser-Kleinkraftwerk „Rotor“, das Markus Heinsdorff mit Christoph Rapp und Andreas Zeiselmair vom Hydromechanik-Labor der TU München aus Recyclingmaterialien wie einem Traktorschlauch und einem Fahrraddynamo hergestellt hat.

Das Recyclingthema ist im Design angekommen. Was allerdings noch lange nicht heißt, dass Design auch den Recyclingmarkt durchdrungen hat. Denn wer die Angebote im Netz durchforstet und Messen wie die selbst deklarierte Designmesse für Re- und Upcycling „Frei Cycle“ in Freiburg besucht, findet immer noch haufenweise dilettantischen Bastelkram, der seine Wohlstandsmüll-Herkunft nur schwer verleugnen kann. Hier können Designpreise tatsächlich noch helfen, Orientierung zu geben und einem modernen Verständnis des Recyclings Rechnung zu tragen.

Dies ist ein Beitrag aus dem stilwerk Magazin „Freiheit“, verfasst von Birgit Gebhardt.

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