Von Blinden-Unis & Dosenöffnern für Alle

Der Mensch im Zentrum jedes Entwurfs – das sollte eigentlich Gestaltungsprämisse sein. Der Alltag aber ist voll von Gegenständen, die schlicht daran vorbei entworfen wurden. Es sei denn, sie entstanden mithilfe des Human Centered Designs. Über ein Designprinzip, das auch Menschen mit Handicap das Leben erleichtert.

Eigentlich ist das ja gar nicht so schwer.

If it Needs a Sign, it’s Probably Bad Design,

steht hübsch gereimt auf der Webseite von Donald Norman – „wenn es ein Hinweisschild braucht, ist es vermutlich schlechtes Design.“ Norman ist emeritierter Professor für Kognitionswissenschaften an der University of California und Professor für Informatik an der Northwestern University. Er schreibt Bücher, Essays und Kritiken zu gutem, genauso gern aber auch zu schlechtem Design. Und er hat schlicht keine Lust mehr, sich von unglücklich gestalteten Gegenständen den Tag verderben zu lassen. Ziehen sie hier, drücken sie dort, hier auf-, dort zuschrauben… – und trotzdem dreht und wendet der Nutzer immer wieder in die falsche Richtung. „Woher kommen meine Probleme mit Türen, Lichtschaltern und Wasserhähnen?“, fragte sich Donald Norman einst. „Während wir uns alle selbst die Schuld geben, bleibt die eigentliche Ursache – schlechtes Design – verborgen.“ Für ihn liegt der Schlüssel im Entwurfsprozess. Die Lösung: „Human Centered Design“ (HCD).

Human Centered Design als eigener Terminus – das hört sich erstmal absurd an. Eben weil es so redundant klingt. Unsere Bedürfnisse ins Zentrum jedes Entwurfs zu stellen, sollte Gestaltungsprämisse sein. Der Alltag aber ist voll von Türen, die sich nicht öffnen lassen; Licht, das nicht angeht; Wasser, das zu heiß ist. Die kleinen Ärgernisse des Alltags mögen verkraftbar sein – Beispiele für gute Planung sind sie aber nicht. Als Gegenprogramm ist Human Centered Design also in erster Linie nutzerorientierte Gestaltung. Als komplexes System knüpft es das Design an Sozialwissenschaften und Kulturtheorie. Einen wirklichen Konsens gibt es in der Branche nicht, in der Praxis wird HCD allerdings meist in die fünf Arbeitsschritte „Empathize“, „Define“, „Ideate“, „Prototype“ und „Test“ gegliedert. Forschungsmethoden, um tatsächliche Nutzerbedürfnisse zu identifizieren, sind genauso Teil des Entwurfsprozesses wie die kulturwissenschaftliche Reflexion.

Das hört sich erstmal schwer nach Dieter Rams an. „Gestaltung ist Denkarbeit“, sagte der legendäre Industriedesigner einmal. Nur dass HCD eben nicht allein auf die Gedankenwelt des Gestalters vertraut, die Ideen von Designer oder Architekt sind diesem System lange nicht genug. Es geht vielmehr um partizipative Gestaltung, die sich über sämtliche Disziplinen hinweg skalieren lässt. Der Mensch als Adressat – sei es als Nutzer eines Dosenöffners oder als Bewohner eines neuen Stadtviertels – wird in den Gestaltungsprozess konsequent einbezogen. Besonders interessant wird diese Facette gerade dann, wenn die Bedürfnisse vielschichtig und anspruchsvoll sind. Lange bevor Human Centered Design als Schlagwort in Architekturbüros und Designstudios die Runde machte, wendete Seiichi Miyake das Prinzip der direkten Einbeziehung an. Akribisch studierte der Japaner Eigenschaften und Bedürfnisse eines blinden Freundes, bevor er 1965 sein Blindenleitsystem erfand. Nur zwei Jahre nach der Entwicklung wurde eine ganze Blindenschule in Okayama mit Miyakes Leitsystem ausgestattet, heute finden sich die Noppen und Rillen, die Menschen mit beeinträchtigter Sehkraft den Weg weisen, auf Bahnhöfen und in öffentlichen Gebäuden auf der ganzen Welt.

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HCD ist also letztlich ein Zugeständnis an die Vielfalt der Menschen. Eben weil es durch den Fokus auf verschiedene Lebensrealitäten die Individualität zum Ideal erhebt. Nach dem System des Human Centered Designs etwa wurden auch umfassende Renovierungsarbeiten an der Gallaudet University in Washington durchgeführt. Gaullaudet ist seit ihrer Gründung 1857 die einzige Universität, die sich ganzheitlich an gehörlose und gehörgeschädigte Studierende richtet. Bei vielen von ihnen kommen Probleme mit dem Sehen, der Mobilität oder der Bewegungsfähigkeit hinzu. Zur Erarbeitung neuer Raumkonzepte gründete Hansel Bauman 2006 das „DeafSpace Project“. Gemeinsam mit einer möglichst diversen Gruppe Studierender entwickelte der Campus-Architekt Richtlinien, die „sozialräumliche Muster gehörloser Erfahrungswelten entschlüsseln“, wie er es etwas sperrig umschreibt. Entstanden ist letztlich ein Handbuch, nach dem alle weiteren baulichen Veränderungen und Erweiterungen an der Schule erarbeitet und umgesetzt werden. Lichtkonzepte und Bodenmaterialien, über die via Vibration mit den Studierenden kommuniziert werden kann, sind genauso Teil des renovierten Studentenwohnheims wie harte Oberflächen, die Echos stärker zurückwerfen und so sehbeeinträchtigten Studierenden die Orientierung erleichtern. Gut gestaltete Rampen für Rollstuhlfahrer sind ohnehin in jedem Gebäude der Universität Standard, starke farbliche Kontraste und klare Raumkonzepte sollen alle Studierenden, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter intuitiv durch die Gebäude führen.

Die Einzigartigkeit des Menschen versteht Architekt Bauman denn auch nicht als Herausforderung, sondern als Chance, wenn er sagt: „Hörgeschädigte stellen die Idee eines universellen Designs infrage – und antworten mit einem radikal inklusiven Gestaltungsprozess.“ Noch so ein sperriger Satz. Dabei geht es doch viel einfacher: „Gutes Design ist im Grunde viel schwerer zu erkennen als schlechtes Design“, sagte Donald Norman einmal. „Eben weil gutes Design unseren Bedürfnissen so sehr entspricht, dass es unsichtbar wird.“

Auch der preisgekrönte amerikanische Architekt und Designer Todd Ray folgt den Grundsätzen des HCD.

Herr Ray, warum braucht es den Terminus „Human Centered Design?“ Eigentlich geht es bei der Gestaltung doch immer um den Menschen.
Das sollte es zumindest. Aber Menschen sind eben nicht gleich, und Human Centered Design ist ein Aufruf an alle Designer, sich dieser Realität zu stellen.

Wie stellen sie sich als Architekt denn selbst dieser Vielfalt, wenn sie neue Projekte angehen?
Quantitativ geht es in einer ersten Phase darum, die Grundbedürfnisse und Wünsche der künftigen Nutzer klar zu erfassen. Qualitativ wollen wir immer eine sensorisch reichhaltige Architektur entwickeln – visuell, auditiv, haptisch, olfaktorisch, nach Möglichkeit sogar gustatorisch. Verschiedene Geschmäcker und Eigenschaften unserer Klienten dafür einzubeziehen, ist die Basis für all unser entwerferisches Handeln. Primäres Ziel unserer Architekturen ist, möglichst vielen Menschen die Navigation, das Verstehen und die Zugänglichkeit zu den Räumen zu erleichtern. Das kann bedeuten, dass wir mit viel warmem Tageslicht arbeiten, um etwa taubstummen Menschen eine sichere Kommunikation mittels der Zeichensprache zu garantieren, ohne dass sie etwa von hartem Licht geblendet werden. Oder wir beziehen Echos ein, die bestimmte Materialien und Proportionen verstärken oder schwächen können, um blinden Menschen die Orientierung im Raum zu erleichtern.

Ähnlich werden auch die Renovierungsarbeiten an der Gallaudet University durchgeführt, an denen sie als Architekt beteiligt sind.
Das ist ein gutes Beispiel für erfolgreiches Human Centered Design, weil sich die Arbeiten speziell an den besonderen Bedürfnissen gehörloser oder gehörgeschädigter Studierender orientieren. Dabei wird Taubheit nicht als Behinderung begriffen – sondern als eine Kultur der vier anderen Sinne.

Das hört sich nach richtigem Denksport an. Laufen sie bei so viel Theorie nicht Gefahr, das zu vernachlässigen, was für gutes Design unabdingbar ist?
Sie meinen sicher die Attraktivität der Räume oder Produkte. Es ginge wohl zu weit, hier über die Frage zu sprechen, was Schönheit eigentlich ist. Fest steht aber, dass sich das Konzept der Schönheit historisch betrachtet in Korrespondenz mit Philosophie, Technologie und Wirtschaft ohnehin immer wieder verändert hat. Ich glaube, dass Schönheit gerade heute kein exklusives Ideal mehr ist oder sich allein über Oberfläche und Form definiert.

Beim Human Centered Design geht es also eher um den Inhalt, um den Entstehungsprozess – und nicht nur um das hübsch gestaltete Produkt.
Richtig. Die Welt ist doch voll von Gebäuden und Dingen, die einfach nicht funktionieren. Vom Schulgebäude bis zum Pizzaschneider. Das mögen alles schöne Sachen sein. Aber ich finde es richtig ärgerlich, wie oft Gestalter von den Nutzern erwarten, sich ihren Ideen anzupassen – statt sich umgekehrt intensiv mit den Nutzern auseinanderzusetzen, um ihnen etwas Funktionelles zu geben, das im besten Fall noch richtig schön anzusehen ist.

Dies ist ein Beitrag aus dem stilwerk Magazin „Living intensified“, verfasst von Manuel Almeida Vergara. Ihr persönliches Exemplar der aktuellen Ausgabe gibt es zum Mitnehmen in den stilwerk Häusern Berlin, Düsseldorf und Hamburg sowie im ausgewählten Zeitschriftenhandel.

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