Wave of Change

Vergessen wir für einen Moment den Wortmüll von Donald Trump. Mindestens so brisant ist die Verschmutzung der Weltmeere. Die Welle machen jetzt engagierte Kreative mit ihren Ideen.

Der Herbstmonsun peitscht die Wellen bis zu fünf Meter hoch an die Strände der Insel Java. Der sonst dicht besiedelte Staat gleicht in den frühen Morgenstunden einem Niemandsland. Profisurfer Dede Surinaya ist in Indonesien aufgewachsen und weiß genau, wann die perfekte Welle draußen im Ozean auf ihn wartet. An jenem Herbsttag im Jahr 2013 ist Fotograf Zakary Noyle aus Hawaii mit ihm unterwegs. 24 Stunden Anreise haben die beiden Freunde hinter sich. Zuerst mit dem Auto von der Hauptstadt Jakarta in den Süden, dann mit einem Fischerboot weiter nach Java. Wenn die Wellen hier am höchsten Punkt brechen und sich als „Barrel“ bis fast zum Strand austanzen, springt Surinaya ins Wasser und paddelt los. In diesem Moment wird Fotograf Noyle Zeitzeuge des wohl traurigsten Naturschauspiels seiner Karriere. Im Wellenkanal fliegen Einwegverpackungen, leere Bierdosen und Essensreste um den erfahrenen Surfer. Wo man einst im klaren Badewannenwasser schwamm, erstickt nun der Ozean in einem Teppich aus Müll. „Traumwellen, von denen man tagelang zehren kann, umarmt von Müll, der für eine Ewigkeit bleibt“, so wird Noyle später sein berühmtestes Foto beschreiben. Titel: „Wave of Change“. Die Verunreinigung der Weltmeere durch Plastikmüll ist im Jahr 2018 präsenter denn je. Die Naturschutzorganisation WWF schätzt, dass jedes Jahr 12,7 Millionen Tonnen davon in die Ozeane gelangen. Eine Lastwagenladung pro Minute. 450 Jahre wird die Umwelt brauchen, um jede einzelne weggeworfene Plastikflasche verrotten zu lassen. Mindestens.

Bereit für eine weitere Zahl? Gerade mal 250.000 Tonnen Plastikmüll schwimmen an der Oberfläche, der Rest liegt in der Tiefe vergraben. MüllsammelAktionen an beliebten Badestränden und der Appell zum Mehrweg-Kaffeebecher sind da eher ein winziges Pflaster auf einer bereits eiternden Wunde. Sind Entwicklungs- und Schwellenländer an den Müllsünden schuld? Fehlende Infrastrukturen und die Frage „Trennen die überhaupt nach Wertstoffen?“ wären als Gründe doch offensichtlich. Tatsächlich sind es SaubermannNationen wie Deutschland und Großbritannien, die ihre Kunststoffreste nach Asien schicken. Deutschland war jahrelang Müll-Europameister, seit Januar 2018 hat China die Einfuhr gestoppt. Alternative Auffangbecken unserer PET-Flaschen-Schwemme sind nun Vietnam, Malaysia und Thailand. Die Leidtragenden sind Meeressäuger und Seevogelarten. Verschlucktes Plastik ruiniert ihren Verdauungstrakt, wölbt sich in den Mägen und lässt die Tiere anschließend verhungern. Gefährlicher Nebeneffekt: Plastik zerfällt nach einiger Zeit im Meer und Mikropartikel gelangen direkt in die Organismen von Fischen, Muscheln und Menschen. Höchste Zeit, dass die Politik eingreift. In der Tat will das Europaparlament die Plastikverschwendung eindämmen.

Ein neuer Richtlinien-Entwurf soll EUweit Einwegprodukte aus Plastik verbieten: Trinkhalme, Besteck, Teller, Luftballonstäbe, Rührstäbchen für den Kaffee, dünne Plastiktüten, Wattestäbchen und Getränkeverpackungen. Realisierbarkeit? Nicht vor 2021. Lösungen, die aufklären, wachrütteln und Aktion einfordern, kommen derzeit nicht aus der Politik, sondern von Kreativen. Cyrill Gutsch ist einer von ihnen. Auf die Idee, seine New Yorker Kreativagentur in ein Aktionsbüro für Ozeanmüll zu verändern, kam der gebürtige Freiburger schon 2012. Er gründete „Parley for the Oceans“. Ein Anstoß für den Wandel war die Verhaftung von GreenpeaceMitgründer Paul Watson, der eine Aktion gegen Haiflossenjäger anzettelte. Gutsch besuchte den Umweltaktivisten Watson im Frankfurter Gefängnis. Sein Wissen über den Zustand der Weltmeere wuchs, ein radikaler Eco-Krieger zu werden, wie Watson es war, kam für Gutsch nicht in Frage. Seine Idee: mit smartem Design den Kampf gegen den Meeresmüll anzutreten.

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Ein Ersatz-Rohstoff aus recyceltem Meeresmüll musste her. Gutsch führte „Ocean Plastic“ ein, in der Hoffnung, bald mit namhaften Lifestyle-Marken gemeinsame Sache zu machen. Mit dem niederländischen Jeanshersteller G-Star entwickelte er ein „Bionic Yarn“. Die dazugehörige Kollektion bestand aus Baumwolle und recyceltem Plastik. USMusiker Pharell Williams war ein Fan der ersten Stunde und kooperierte – was dem jungen Projekt viel Aufmerksamkeit brachte. Heute ist „Parley for the Oceans“ ausgewachsen, leistet aber immer noch viel Aufklärungsarbeit. Der bislang größte Gewinn war die Partnerschaft mit Sportriese Adidas im April 2017. Der FC Bayern München und Real Madrid spielen seitdem im Trikot aus recycelten Abfällen. Der gemeinsame Sneaker „Ultra Boost x Parley“ verkaufte sich über eine Million Mal. Das Nachfolgermodell soll es bald auf fünf Millionen schaffen. Dafür entwickelte „Parley“ mit Adidas eine Sohle, die mittels 3D-Drucker entsteht. Doch am Ziel ist Kreativkopf Gutsch noch lange nicht. „Wir müssen Plastik gehen lassen, nur der Akt, es aus dem Wasser zu holen, hilft nicht. Plastik ist ein großer Designfehler. Selbst unser Ocean Plastic ist nur eine Übergangsphase“, klärte er in einem Interview auf.

Es braucht mehr Unternehmen, die radikal umdenken und endlich agieren. Global Player zu gewinnen steht auch auf der Wunschliste der beiden Kanadier Shaun Frankson und David Katz. 2013 gründeten sie das Startup „The Plastic Bank“: ein Sozialunternehmen, das aus Müll eine Währung macht. Ihr Recycling-Betrieb auf Haiti bezahlt die Bevölkerung dafür, Plastikmüll zu sammeln und ihn zu einer offiziellen Stelle zu bringen. Pro Kilo bekommt man 30 Cent oder Sozialleistungen wie Strom, einen kostenlosen Internetzugang, Briketts zum Heizen oder die Chance, ein Smartphone zu laden. „The Plastic Bank“ recycelt den Plastikmüll vor Ort und verkauft den Wertstoff als „Social Plastic“ weiter. Gerade stieg Henkel Deutschland in den Verpackungsdeal ein. Plastik so wertvoll zu machen, dass es sich nicht mehr lohnt, es einfach wegzuwerfen, ist sicherlich ein genialer Schachzug. Wie sehr Henkel das Thema Umweltschutz weitertragen kann, bleibt allerdings fraglich. Dass Reinigungs-, Waschmittel und Klebestoffe hergestellt werden, die so gar nicht unsere Gewässer belasten, bis dahin ist es noch ein sehr weiter Weg – für uns alle.

Dies ist ein Beitrag aus dem stilwerk Magazin „anders“ verfasst von Silke Roth. Die aktuelle Ausgabe des stilwerk Magazins erhalten Sie an den stilwerk Standorten Berlin, Düsseldorf und Hamburg sowie im ausgewählten Zeitschriftenhandel.

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