Ziemlich heiße Sache

Ein deutsches Architekturbüro, das weltweit bekannt ist für visionäre, brandheiße Lebensräume – kurz: LAVA. Mitgründer Tobias Wallisser erklärt, was hinter dem explosiven Firmennamen steckt und wie Architektur Natur und Fortschritt in Einklang bringen kann. 

Herr Wallisser, hat sich in der vergangenen Zeit etwas an Ihrer Arbeitsweise verändert?
Natürlich. Durch die intensiven Home-Office-Phasen hat sich die Zusammenarbeit unserer deutschen Standorte stark verbessert. Unser derzeit größtes Projekt ist aber in Saudi-Arabien – darum kümmert sich ein internationales Team, von Australien bis Kanada.

Um was für ein Projekt handelt es sich?
Das ist natürlich ganz geheim! (lacht) Aber ich kann so viel verraten: Es ist ein Masterplan in Neom. Das ist eine von der Regierung Saudi-Arabiens anvisierte Zukunftsstadt im Nordwesten des Landes. Naja, Stadt kann man es nicht nennen, eher ein Landstrich – er hat die Größe Belgiens. Das Projekt soll komplett CO2-emissionsfrei sein.

Nachhaltige Bau-Ideen sind Ihr Markenzeichen. Aus welchen Grundgedanken entwickelt sich so etwas? 
Nachhaltigkeit ist ein schwieriges Wort, ich verwende es ungern. Es kommt aus der Forstwirtschaft und bedeutet, wir forsten alles wieder auf, was wir abholzen. Beim Bauen setzen wir ein Gebäude dorthin, wo früher eine grüne Wiese war. Und selbst wenn ich wieder eine grüne Wiese aufs Dach setze, ist es trotzdem nicht ganzheitlich gedacht: Der Mensch ist nicht das einzige Lebewesen, das mit dem Ergebnis zurechtkommen muss, wir sind Teil eines Ökosystems. Also müssen wir beim Gestalten von neuen Lebensraumen darauf achten, wie sich alles miteinander verzahnt. Architektonische Lösungen müssen mehr geben, als sie der Natur entnommen haben. Das ist unsere Herausforderung.

Ist dieser Design-Ansatz erfolgreicher im Ausland? 
Im Nahen Osten ist es relativ einfach, neue Denkanstöße zu geben, weil die klimatischen Bedingungen per se „lebensfeindlicher“ sind. Wir müssen dort erst eine komfortable Umgebung herstellen, damit man sich wohlfühlen kann. Das europäische Klima erlaubt uns ja bereits von einem Außenkomfort auszugehen. Wenn man keine Ressourcen außer Sonnenenergie hat, ist man viel eingeschränkter. Unsere ausländischen Auftraggeber sind daher oft offener für Ideen – auch für ressourcenschonende. In Deutschland ist man eher darauf bedacht, die Dinge so zu lassen, solange sie funktionieren.

Erzählen Sie uns etwas über das „Life Hamburg“-Projekt. 
Da geht es um einen Ort für lebenslanges Lernen. An uns liegt es herauszufinden, wie die idealen Bedingungen für die Menschen darin aussehen können. Wir denken über flexible Bereiche für Zusammenarbeit und Rückzug nach. Das Ganze braucht viel frische Luft, Tageslicht und Abwechslung. Vielleicht verknüpft man Innen- und Außenräume miteinander, der Ausblick soll der Kreativität wegen nicht immer derselbe sein. Man kann dazu tages- und jahreszeitliche Veränderungen inszenieren. Wir entwickeln Ideen immer aus der Perspektive der Nutzer heraus.

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Auf welche Bausubstanzen setzen Visionäre? 
Wir müssen auf ganz vielen Ebenen die Augen aufmachen und überlegen, wie wir mit weniger Ressourcen mehr erreichen können. Nach diesem Motto arbeitet auch LAVA. Aber bitte nicht verwechseln mit der ästhetischen Reduktion von „weniger ist mehr“; es geht uns vielmehr darum, Materialien, die aus Abfall oder Überproduktion entstehen, anderweitig zu verwerten. Holz hat gerade einen richtigen Hype. Es ist ein toller Rohstoff, hat eine haptische Qualität, einen tollen Geruch und ist nachwachsend. Was die CO2-Bilanz angeht, ist er großartig – aber er ist hellhörig. Jeder, der wie ich in einem Holzhaus aufgewachsen ist, kennt die Vor- und Nachteile.

Gibt es einen architektonischen Evergreen für Sie? 
Es ist eher eine Denkweise als ein einzelner Bau. Unser großer Inspirator ist Frei Otto. Er hat es als Architekt geschafft, in vielen Maßstäben zu arbeiten – von der überdachten Stadt in der Antarktis bis zu seinen legendären Seifenblasen-Modellen. Er schuf faszinierende Analogien zu natürlichen Vorbildern. Denken Sie nur an das Olympiastadion in München. Es wird heute nicht mehr den Ansprüchen eines Fußballstadions gerecht, aber es ist eine geniale Konstruktion, die sich heute sehr organisch in den Park einfügt. Was uns am meisten geprägt hat, ist, wie Frei Otto in seine Arbeit die Forschung einbindet. Nicht umsonst nennen wir uns das „Labor für Visionäre Architektur“. Der Labor-Charakter ist bei uns allgegenwärtig: sich zuerst eine Agenda stellen, Dinge untersuchen und wissenschaftlich zu hinterfragen.

Ist es das, was Sie von anderen Architekturbüros unterscheidet? 
Ich mochte das schwer hoffen! Uns interessiert die Methode. Dazu gehört Offenheit und Bereitschaft, sich einer Aufgabenstellung auf ungewohnte Weise zu nähern. Gestalten ist nicht unser erster Gedanke. Wir fragen uns, wie weit wir von dem abweichen wollen, was bekannt ist. Dazu suchen wir uns die richtigen Partner aus anderen Disziplinen wie der Forschung. Seit Gründung unseres Büros vor 13 Jahren ging es uns um Grundlagenforschung an der Schnittstelle zwischen Mensch und Natur. Dies passiert in Verbindung und mit dem Einsatz neuer Technologien. Daran werden wir auch weiterhin festhalten.

 

Dies ist ein Interview von Silke Roth aus dem stilwerk Magazin „ever green“. Ihr Exemplar des stilwerk Magazins erhalten Sie an den stilwerk Standorten Düsseldorf und Hamburg sowie im ausgewählten Zeitschriftenhandel.

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