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Zurück in die Zukunft

Ausgerechnet in der Vergangenheit sollen Architekt:innen und Stadtplaner:innen nach Fortschirtt suchen - das fordert Julia Watson in einem viel beachteten Buch. Indigenes Wissen die Landschaftsarchitektin mit modernen Errungenschaften zusammenbringen. Auch der „Baubotaniker" Ferdinand Ludwig setzt Altbewährtes im neuen Gewand.

Grün schlägt Grau, das weiß eigentlich jeder. Nur gelingt es dem Menschen viel zu selten, in seinen Lebensumwelten zu pflanzen und zu pflegen statt zu betonieren und zu asphaltieren. Das war schon mal anders und ist es in manchen Weltregionen noch immer. Dort nämlich, wo traditionelle Techniken und Architekturmethoden seit Ewigkeiten fortbestehen. Auf den Philippinen pflanzen Menschen noch heute Reis und Gemüse auf den Reisterrassen von Banaue an, die vor etwa 2000 Jahren von der austronesischen Bevölkerung gebaut wurden. Im südlichen Irak errichtet die beduinische Bevölkerungsgruppe der Ma’dan ganze Häuser aus Schilf, die sich an nur einem Tag auf- und wieder abbauen lassen. Im indischen Kolkata betreiben die Bengalen seit rund 100 Jahren ein einzigartiges System der Fischzucht im Abwasser, das dadurch gleichzeitig wieder aufbereitet wird. 

Rund 120 solch traditioneller, oft auch massiv bedrohter Technologien hat Julia Watson gemeinsam mit Studierenden zusammengetragen. Watson ist Landschaftsarchitektin, betreibt ein Designstudio, forscht und lehrt an der Columbia University in New York. In Interviews und Vorträgen fordert sie nicht nur dazu auf, die Errungenschaften indigener Völker etwa vor Kulturwandel und Verstädterung zu schützen – Watson will zudem, dass die Techniken und Methoden auf eine Anwendbarkeit für moderne, auch urbane Räume hin geprüft werden. Beinahe 20 Beispiele für noch immer existierende Praktiken, die in modernisierter Form Antworten geben könnten auf dringende Fragen unserer Zeit, stellt sie in „Lo-TEK – Design by Radikal Indigenism“ vor. Das Buch, in überaus schön gestalteter Form und kurzweiliger, englischer Sprache bei Taschen erschienen, soll ein Aufruf, auch ein Weckruf sein: Die hochmodernen Errungenschaften der westlichen Welt werden durch den Klimawandel, den sie verursachen, auf den Prüfstand gestellt. Ein Blick auf indigene Technologien und Methoden, glaubt Julia Watson, könne dabei helfen, zukunftsfähigere Lösungen zu finden. Mehr gesundes Grün ins triste Grau bringen die uralten Methoden sowieso. 

 

Häuser aus dem Blumentopf 

Ferdinand Ludwig ist Professor, Architekt und „Baubotaniker“. Vor 15 Jahren prägte er den Begriff, heute forscht und lehrt er an der Technischen Universität München dazu. Hier erklärt er, warum lebende Architekturen aus der Vergangenheit Inspiration für unsere Zukunft sein können.

Herr Ludwig, wie sind Sie zur Baubotanik gekommen? 
Im Grunde über historische Beispiele lebender Architektur, von denen es unterschiedliche gibt. Die „Tanzlinden“ zum Beispiel, die so überformt werden, dass begehbare Baumkronen-Räume entstehen. In den 80er- und 90er-Jahren gab es auch aus der Ökobewegung heraus eine Reihe von Ansätzen, Aspekte der lebenden Architektur aufzugreifen. Gestört hat mich daran immer der Nischencharakter.  

Wie meinen Sie das?
Ich bin von der Idee getrieben, wie sich daraus Profit für die moderne Architektur und Stadtentwicklung schlagen lässt. Ziel der Baubotanik ist die Entwicklung von Konzepten, Techniken und Entwurfsmethoden, um unsere gebaute Lebensumwelt zu verändern. Häuser und Bäume sollen systematisch zusammengedacht, sie sollen fusioniert und zusammengebaut werden. Daran schließen sich verschiedene Themenbereiche an, die viel mit Stadtgrün und -klima sowie dem Zusammenspiel von Wasser und Pflanzen, also blaugrünen Infrastrukturen zu tun haben. Das Feld der Baubotanik reicht von Ingenieurwissenschaften bis zu Naturwissenschaften und erforscht komplexe Themen wie die lebenden Brücken der Khasi und Jiantia-People im indischen Bundesstaat Meghalaya. 

74 dieser Brücken haben Sie untersucht. Was macht sie so besonders?  
Der Baum wird wirklich als Konstruktionsmaterial aufgefasst. Da wird nichts in ihn reingebaut wie bei einem Baumhaus, sondern dahinter steht ein auf Jahrzehnte angelegter, grundsätzlicher Plan. Dafür wird auf der einen Flussseite ein Baum gepflanzt. Wenn er nach 15 Jahren so groß ist, dass er Luftwurzeln bildet, fängt man an, diese über den Fluss zu leiten und so zu verschlingen, dass daraus ein Konstrukt entsteht. Der Plan muss immer wieder angepasst und weiterentwickelt werden, über Jahrzehnte hinweg. Dieses Transformieren eines lebenden Organismus in eine funktionale, schöne Struktur, ist einzigartig. 

Aber welchen Nutzen kann die moderne Architektur daraus ziehen?
Was man von den Brücken lernen kann, ist etwa die Strategie des langfristigen Denkens. Das ist heute natürlich schwierig, weil niemand bereit ist, so lange auf etwas zu warten. Aber Bäume sind essentiell, um der Überhitzung der Städte entgegenzuwirken. Also entwickeln wir in der Baubotanik Techniken, um schneller große Grünvolumina in Städten zu erzeugen.  

Sich im Sinne der Nachhaltigkeit auf historische Praktiken zurückbesinnen, ist aktuell ja ohnehin ein großes Thema. 
Wir arbeiten zwar zu historischen Beispielen wie den lebenden Brücken. Genauso sind aber auch hochmoderne Quellen Teil unserer Forschung. Neue Erkenntnisse aus der botanischen Grundlagenforschung etwa, oder moderne Entwurfsmethoden. Zum Teil kommt auch Simulations-Software aus der Forstwissenschaft zum Einsatz. Es wäre total verkürzt zu sagen, die Baubotanik übertrage nur alte Praktiken in die Zukunft. Diese Praktiken müssen ja transformiert und mit neuem Wissen angereichert werden! Für uns weisen die lebenden Brücken nicht den Weg „zurück zur Natur“, sondern in eine Zukunft, in der Natur und Technologie zu symbiotischen, aber auch komplementären Hybriden verschmelzen. 

Wie kann so etwas aussehen? 
Der Platanenkubus in Nagold ist unser bisher größtes Projekt und ein gutes Beispiel: eine lebende Struktur in der Größenordnung eines mehrstöckigen Hauses. Sie besteht aus mehr als 1000 jungen Pflanzen, von denen nur die unteren im Boden und alle anderen in Pflanzentöpfen wurzeln. Alle Pflanzen sind so miteinander verbunden, dass sie zu einer netzartigen Struktur verwachsen, zu einer einzigen großen Pflanze. Ab einem bestimmten Zeitpunkt können die Töpfe und das Stahlgerüst entfernt werden, und eine eigenständige, lebende Architektur ist entstanden.  

Dies ist ein Beitrag aus dem stilwerk Magazin „ever green“ von Manuel Almeida Vergara. Ihr Exemplar des stilwerk Magazins erhalten Sie an den stilwerk Standorten sowie im ausgewählten Zeitschriftenhandel. 

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