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Dieser Zug ist abgefahren.

Auf einer historischen Eisenbahnbrücke im südafrikanischen Kruger-Nationalpark parkt ein neues Luxus-Resort. Gäste schlafen im Abteil und können vom Bett aus die Big Five beobachten. Von wegen auf dem Abstellgleis!

Als James Stevenson-Hamilton 1902 an den Sabie River kommt, hat er nur einen Auftrag: Der Schotte soll sich in der südafrikanischen Wildnis „so unbeliebt wie möglich machen“. Also lässt sich der erste Wildhüter des späteren Kruger-Nationalparks an einer halbfertigen Eisenbahnbrücke nieder, in einer Region, die topografisch noch nicht erschlossen ist und dank Malaria nur „white man’s grave“ heißt – und macht sich Feinde. Vor allem unter den Wilderern. Aber auch unter den einheimischen Tsonga, die ihn „Skukuza“ nennen, den Besen. Weil er die Ureinwohner erstmal rigoros aus seinem Schutzgebiet kehrt.

Dann wendet sich das Blatt. Stevenson-Hamilton lernt die Sprache der Tsonga, so zu jagen wie sie, gibt ihnen Arbeit als Ranger. Außerdem ist die teure Eisenbahnbrücke endlich fertig – und die Züge bringen erste Touristen statt, wie ursprünglich geplant, nur Goldfunde zu transportieren. Eine Fracht, in der Stevenson Hamilton ohnehin mehr Potenzial sieht. Er überredet die South African Railways, für sie einen nächtlichen Halt auf der Brücke einzuplanen. Sein Plan geht auf. Die Reisenden schwärmen von dem Stopp; dem Dinner mit Klaviermusik, den Elefanten, die durchs Schilf streifen, von dem unbeschreiblichen Licht, das es nur in Afrika gibt, von den Geschichten, die die Tsonga am Feuer erzählen. Und als die Gäste müde und erfüllt zum Schlafen wieder in ihr Abteil klettern, oben auf der Brücke, sind sie den Sternen ein kleines bisschen näher.

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100 Jahre ist das her. Jetzt ist der Zug zurück. Und man kann wieder auf der Brücke über dem Sabie River schlafen, der sich über 6000 Kilometer in Richtung Mosambik durch den Kruger-Nationalpark windet. 24 luxuriös eingerichtete Waggons thronen auf den stillgelegten Gleisen, permanent installiert. Damit ist das Zughotel das weltweit erste seiner Art.

Vergessen sie fünf Sterne, das hier sind sechs,

sagt Judiet Barnes, Managerin des Resorts Kruger Shalati Train on the Bridge, durchs Telefon. „Wir haben die Messlatte hoch gelegt.“ 

15 Meter um genau zu sein. Was nicht schwindelerregend klingt. Versucht man jedoch, einen Swimmingpool an eine Eisenbahnbrücke zu tackern, fühlen sich 15 Meter wie 200 an. „Das hat noch niemand vor uns gemacht. Eine echte Herausforderung. Zumal wir kein Gerüst aufbauen dürfen, die Brücke ist ja denkmalgeschützt." Und auch das Mosaik auf dem Boden im Inneren der Waggons bereitete Barnes Kopfzerbrechen. „Es war wie Tetris spielen. Man kann es auf dem Papier noch so oft aufzeichnen. Wenn es dann der Skukuza-Hitze ausgeliefert ist, kommt doch alles anders. Das Material dehnt sich tagsüber aus, zieht sich nachts wieder zusammen. Wir haben uns letztlich für Vinyl entschieden.“ Dazu kommen ganz banale Probleme: Wie putzt man etwa die Fensterscheiben? „Ich habe in meinem Leben noch nie so viele Entscheidungen treffen müssen“, erzählt die Managerin. Das Buchen der Zimmer dagegen ist einfach. Abteil? Großraum? Fensterplatz? Nichts da, im „Kruger Shala ti“ hat man alles: Bodentiefe Fensterfronten, Doppelbett, freistehende Badewanne – die Zimmer im Zug wirken riesig. Das Geheimnis: Outsourcing.

„Wir haben den Gang nach draußen verlegt und die Kopfteile der Betten in die Wand gedrückt. Das hat Platz geschaffen. Man kann die Betten sogar von außen sehen“, lacht Barnes. „Aber das ist in Ordnung, der Zug fährt ja nicht.“ Und so sitzt man nun ausnahmsweise gern auf dem Gang, Sundowner in der einen, Fernglas zum Tiere Beobachten in der anderen Hand.

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Die Waggons selbst sind Vintage, auch der Lounge-Wagen, der mittig auf der Brücke hinter der Aussichtsplattform platziert ist. „Es sind nicht die Original-Waggons, aber wir haben uns ganz schön ins Zeug gelegt, ähnliche zu finden. Der Zug sollte so authentisch wie möglich sein“, erzählt Barnes. Auf einem Eisenbahnschrottplatz fand das „Kruger-Shalati“-Team schließlich ausrangierte Waggons aus den 1950er-Jahren. „Es ist sogar möglich, dass genau diese Wagen schon einmal über die Brücke gerollt sind.“ 

Aber nicht nur der historische, auch der lokale Bezug ist dem Team sehr wichtig. „Lebensmittel, Getränke, Stoffe, möglichst unverpackt und nachhaltig hergestellt, kommen fast alle aus der Region“, so die Hotel-Chefin. „So wie unsere Mitarbeiter“, lacht sie. 80 Prozent von ihnen seien in der Gegend aufgewachsen und bekämen Anteile vom Gewinn. „Außerdem haben wir uns mit einer kleinen Bäckerei zusammengetan, die Angestellten werden gerade zu Pâtissiers ausgebildet. Ein tolles Projekt! Denn die Menschen hier, die vor den Toren des Parks leben, sind die ärmsten Südafrikas. Wir wollen sie nicht nur einstellen, wir möchten aus ihnen Unternehmer machen.“ Unternehmer wie Bonolo Helen Chepape. Die 28-jährige Textildesignerin vom Studio Lulasclan aus Rustenburg hat die Tagesdecken der Betten entworfen, die modernes Design mit einer alten Basotho-Tradition verbinden. Bei den Basotho werden die bunten Decken als Mitgift zur Hochzeit überreicht. Ihre grafischen Muster symbolisierten Schutz und Sicherheit. Wer genau hinguckt, findet auf Chepapes Überwurf auch die Umrisse der Eisenbahnbrücke und einen Vogel – den Quelea, der am Sabie-Fluss scharenweise im Reet brütet. „Wenn diese winzigen Vögel hochfliegen, denkt man, sie seien ein Schwarm Bienen.“

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Auf die Frage, ob es während der Brückenarbeiten unerwartete Begegnungen mit Raubtieren gegeben habe, antwortet Barnes: „Niemand wurde von einem Löwen gefressen, falls sie das hören wollten. Aber einmal haben die Brückenarbeiter eine Python gesehen und mehrere Kapotter, beide sind sehr selten. An einem anderen Morgen tauchte eine Leopardin mit Jungen auf. Wir haben zwei Stunden lang regungslos auf der Brücke gekauert und zugeguckt, wie die Großkatzen direkt unter uns am Fluss spielten. Wieder ein anderes Mal kamen 50 Elefanten zum Baden. Du sitzt da, lässt die Beine von der Brücke baumeln, siehst einfach nur zu, und der Moment fühlt sich vollkommen an.“

Ist es das, was Gäste heute von einer Luxusreise erwarten?

Vollkommenheit kann man nicht buchen. Man möchte etwas Individuelles erleben, ganz nah dran sein an den Menschen und den Tieren. Das bekommt man hier in Skukuza, und das seit 100 Jahren. Man guckt nachts nicht einfach nur in die Sterne und sieht das Sternbild des Skorpion. Ranger Bonga Njajula erzählt einem auch, was die Tsonga sehen, wenn sie hinaufgucken. Man kann sich dem afrikanischen Busch nicht entziehen.

Judiet Barnes muss es wissen, immerhin ist sie in Malanga aufgewachsen, nicht weit vom „Kruger Shalati“. Das wurde übrigens nach einer afrikanischen Kriegerin aus Limpopo benannt, die als erste Frau zum Stammes-Chief ernannt wurde. „Dieser Zug ist Frauenpower, ein Vermächtnis. Er ist mein Baby“, sagt Barnes. Und dann entschuldigt sie sich. Sie müsse auflegen – um ihre anderen drei Babys aus der Schule zu holen. Denn auch in einer so unwirklich schönen Welt, hoch über der Wildnis Südafrikas, gibt es tatsächlich so etwas wie einen Alltag. 

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Dies ist ein Beitrag von Annika Thomé aus dem stilwerk Magazin „ever green“. Ihr Exemplar des stilwerk Magazins erhalten Sie an den stilwerk Standorten Düsseldorf und Hamburg sowie im ausgewählten Zeitschriftenhandel.

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